Frank-Arne Knoth

DIE ABENTEUER VON SPARKY, DER MÖWE


Die Abenteuer von Sparky, der Möwe stammen aus einer Zeit, als meine Söhne noch im Vorlesealter waren. Wieder und wieder musste ich sie ihnen erzählen, bis wir alle drei sie auswendig kannten. Eines Tages bat mich eine Freundin die Geschichte aufzuschreiben, damit auch sie sie ihren Kindern vorlesen könne. Später dann kamen die Bilder meines Onkels dazu: Walter Knoth ist ein passionierter Schweizer Künstler, der an der Illustrierung meiner Geschichte sichtlichen Spaß hatte. Ihm möchte ich an dieser Stelle ganz besonders danken. Ich hoffe, dass die Geschichte Ihnen und vor allem Ihren Kindern gefällt.

Es war einmal eine kleine Möwe, die hieß Sparky. Sparky lebte mit seinen Eltern in Fawley, einer winzigen Hafenstadt in der Nähe von Portsmouth, ganz im Süden von England. Aber Sparky war kein gewöhnlicher Vogel, denn er hatte ein Problem: Seit einem Flugunfall in seiner Kindheit watschelte er beim Gehen wie eine Ente. Auch konnte er nicht mehr so lange fliegen und Fische fangen wie die anderen Möwen, die ihn dafür auslachten und immer wieder hänselten. Sparky’s Eltern wohnten auf einem alten Schornstein der Fischfabrik von Fawley, aus dem aber schon seit langem kein Rauch mehr aufstieg.

Immer wenn der Frühling kam und es in Fawley allmählich wärmer wurde, machten sich die jungen Möwen auf den Weg nach Nordengland. Einige Abenteurer schafften es bis nach Irland und eine einzelne Möwe, so erzählte man sich in Fawley, soll es sogar mal geschafft haben über den Ärmelkanal bis nach Frankreich zu fliegen.

In diesen Tagen, wenn die anderen Möwen fast alle weg waren, fühlte sich Sparky immer sehr einsam. Meist hockte er auf dem Dach des Leuchtturms und blickte sehnsüchtig aufs Meer hinaus. Eines Tages, es war ein warmer Frühlingsmorgen und Sparky saß wieder einmal auf dem Dach des Leuchtturms, da lief in den Hafen von Fawley ein prächtiges Schiff ein: Es war ein altes Segelschiff mit vier hohen Masten, bunten Segeln und einer großen Fahne.

Interessiert beobachtete Sparky, wie das große Schiff im Hafen festmachte und allerlei Proviant an Bord nahm. Und während er so um das Schiff herumflog, fiel ihm ein Junge auf, der im Mastkorb saß und von den Männern auf dem Schiff ausgelacht und geärgert wurde. Am nächsten Morgen flog Sparky über den Markt und klaute dem Bäcker ein großes Brötchen. Während der Mann noch aus vollem Halse schimpfte, flog Sparky auf den Mastkorb, in dem der Junge saß, und schenkte ihm das Brötchen.

Der Junge freute sich sehr und sagte: „Hallo, du Möwe! Ich heiße Jack.“

Sparky nickte dem Jungen fröhlich zu und ließ sich sogar von ihm streicheln. In den nächsten zwei Tagen freundeten sie sich richtig an. Doch als das Segelschiff schließlich den Hafen verließ, war Sparky todtraurig. Er hockte auf der Steinmole und blickte Jack nach, der im Mastkorb des Schiffes saß und ihm weinend zuwinkte. Plötzlich kamen Sparky’s Eltern angeflattert und setzten sich zu ihrem Sohn auf die Steinmole.

Sein Papa rieb ihm liebevoll mit seinem Schnabel über den Kopf und fragte: „War der Junge dort dein Freund?“

„Ja“, schluchzte Sparky. „Er war der beste Freund, den ich je hatte.“

Seine Mama legte ihm tröstend ihren Flügel über das Gefieder und sagte: „Dann musst du mit ihm gehen.“

Sparky’s Augen leuchteten. „Meinst du wirklich?“

„Na klar“, grinste sein Papa. „Fahr zur See und schau dir die Welt an. Das ist allemal besser als dein Leben lang hier in Fawley zu sitzen.“

Sparky war auf einmal ganz aufgeregt. „Und was wird aus euch?“

Seine Eltern schauten sich verliebt an und schwiegen. „Na, mach schon“, sagte Sparky’s Papa mit Tränen in den Augen, „sonst fährt das Schiff noch ohne dich. Ich wünsche dir alles Gute, mein Junge!“

Sparky nahm seine Eltern in die Arme und gab ihnen einen dicken Kuss. Dann stieß er sich von der Steinmole ab und flog dem Schiff hinterher, das Fawley längst verlassen hatte und schon aufs offene Meer hinaus segelte.

Als Sparky endlich den Mastkorb des Schiffes erreichte, war er am Ende seiner Kräfte. Erschöpft ließ er sich in den Mastkorb fallen, in dem Jack stand und nicht schlecht staunte.

„He, du Möwe!“ rief der Junge. „Was machst du denn hier? Wie schön, dich zu seh’n, alter Freund!“

Sparky ließ sich von Jack wieder streicheln und aß dankbar von den Brotkrumen, die ihm Jack vor die Nase legte. Und er war glücklich wie nie zuvor.

In den nächsten Wochen segelte das Schiff erst nach Frankreich, später nach Spanien, dann über den Atlantik bis nach Nordamerika und schließlich in die Karibik. Von dort ging es nach Südamerika und um Kap Hoorn herum bis nach Neuseeland und Australien. Sparky und Jack waren die besten Freunde geworden, die man sich nur vorstellen kann. Die Möwe half dem Jungen im Ausguck und spähte nach Wind und Schiffen und erhielt dafür im Gegenzug genug Fisch und Brötchen.

Vor allem aber konnte Jack dank der Hilfe seines Freundes Sparky so gute Arbeit leisten, dass ihn der Kapitän des Schiffes bald beförderte. Und so ging das Jahr auf Jahr: Jack und Sparky fuhren auf ihrem Schiff durch die ganze Welt. Als Jack eines Tages zum Kapitän ernannt wurde, durfte er das Schiff selbst befehlen. Er nahm Sparky bei sich in der Kapitänskajüte auf und richtete ihm ein kleines Bettchen aus indischem Reisig, auf dem die Möwe oft tagelang schlief.

Eines Tages unterhielten sich Jack und Sparky in der Kapitänskajüte über ihre Reisen, als der Vogel seinem Freund erzählte, dass er sich alt fühle und nach der Heimat sehne. Jack nickte der Möwe verständnisvoll zu, dankte ihr für die treue Freundschaft und versprach Sparky, ihn nach Hause zu bringen. Drei Monate später ließ Jack das Schiff nach Südengland steuern und im Hafen von Fawley festmachen. Er selbst trug die Möwe an Land, verabschiedete sich von ihr und kehrte traurig auf sein Schiff zurück.

Sparky flog sofort zum alten Schornstein der Fischfabrik, doch das Nest seiner Eltern war längst verschwunden. Deshalb flog er auf ein altes Scheunendach am Hafen und schlief dort sofort ein. Als er wieder aufwachte, war Jacks Schiff nur noch ein kleiner Punkt am Horizont. Vor ihm lagen drei große Fische, die ihm die jungen Möwen von Fawley als Willkommensgruß gebracht hatten. Sparky lächelte und nickte den jungen Möwen dankbar zu. Und während er hungrig von dem Fisch kostete, begann er mit vollem Mund zu erzählen:

„Wisst ihr, es war einmal eine kleine Möwe, die hieß Sparky. Sparky lebte mit seinen Eltern in Fawley, einer winzigen Hafenstadt in der Nähe von Portsmouth, ganz im Süden von England. Aber Sparky war kein gewöhnlicher Vogel …“