KRATES – Buch 2 – Kapitel 10

Der Sommer kündigte sich mit einer gnadenlosen Hitze an und ließ die Stadt und ihre Bewohner in Lethargie verfallen. Das neue Semester hatte zwar erst vor kurzem begonnen, doch Zenodotos bewegte sich schon so selbstverständlich durch die Akademie, als würde er hier seit Jahren studieren. Krates freute sich über den guten Start seines Schülers und schrieb einen kurzen Brief an Stephanos, in dem er ihm von den Erfolgen seines Sohnes berichtete. Aus der anfänglich eher zweckgebundenen Bekanntschaft mit Kastor hatte sich eine gute Freundschaft entwickelt und Krates schätzte den Erfahrungshorizont des Ratsherren, seinen Pragmatismus und seine offenkundige Bildung.

Nach den Schauergeschichten, die ihm Zenodotos über die Zahlungsunfähigkeit der Athenapriester von Mallos erzählt hatte, setzte sich Krates mit den Priestern des Tarsianischen Apollo in Verbindung und erkundigte sich nach dem Stand seines Vermögens. Er hatte in den letzten Jahren wahrlich nicht gespart und von seinen anfänglich achtundsechzigtausend Drachmen mehr als zwanzigtausend abgehoben und verbraucht. Doch wie es schien, hatten die Priester gut gewirtschaftet und sein Guthaben in den letzten elf Jahren auf über hunderttausend Drachmen gemehrt. Der Freude über seinen unerwarteten Reichtum folgte augenblicklich die Sorge um dessen Erhalt. Denn die kilikische Währung seines Kapitals hatte ja nur hier ihre Gültigkeit. Wollte er sein Vermögen mit nach Pergamon nehmen, musste er sich um einen transportablen Gegenwert kümmern.

Da außer Kastor noch niemand von seinen Pergamonplänen wusste und Krates diese Information auch bis auf weiteres zurückhalten wollte, wandte er sich mit seinem Anliegen an Stephanos. Er bat ihn, sich bei dem Karawanenführer Timarchos zu erkundigen, ob es vielleicht eine Gelegenheit gäbe, ihn mit der Zusammenstellung eines zuverlässigen und bis nach Pergamon überführbaren Handelszuges zu betrauen. Die Götter schienen Krates wohlgesonnen und hatten Timarchos und seinen Handelszug zur selben Zeit in Mallos kampieren lassen, als auch sein Brief ankam, so dass tatsächlich keine zwei Wochen vergingen, bis er Stephanos’ Antwort in Händen hielt. Stephanos schrieb, dass der alte Karawanenführer wohl gegen Ende des Monats in Tarsos weilen und dann nach ihm fragen lassen würde.
Die Tage verstrichen und Krates wartete in banger Erwartung. Um sich von der Ungewissheit abzulenken, konzentrierte er sich ganz auf seine Seminare. Lange bevor der erste Brief aus Pergamon eingetroffen war, hatte er für das kommende Semester vier Kurse angemeldet. Zenodotos besuchte alle vier Veranstaltungen und überraschte seinen Lehrer immer wieder mit seinen guten Diskussionsbeiträgen, die oftmals ebenso unkonventionell wie überzeugend waren.

Eines Morgens kam endlich der Brief, auf den Krates so sehnsüchtig gewartet hatte. Philopatros und Ariston ließen ihn grüßen und teilten ihm mit, dass sich König Eumenes mit der Vergabe der Bibliotheksstelle einverstanden erklärt habe. Krates jubelte vor Freude, doch ihm wurde auch schmerzlich bewusst, dass ihm nun einige sehr unangenehme Gespräche bevorstanden.

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Das Semester war in vollem Gange und seine vier Seminare durch keinen der Kollegen zu ersetzen. Andererseits währte der Lehrbetrieb bis spät in den Herbst und so lange wollte er nicht warten. Er musste mit Kallisthenes sprechen und zwar möglichst vor seinem Treffen mit Timarchos.

Das Gespräch mit dem Akademievorstand verlief sehr unglücklich, denn Kallisthenes konnte nicht verstehen, wie sich ein gebildeter Mann von Krates’ Format nur auf eine so erniedrigende Stelle im fernen Pergamon einlassen konnte. Sicher, die Nähe zu seinem ehemaligen Studienkollegen hatte einiges für sich, doch er hätte Krates mehr Verstand zugetraut, als ein so waghalsiges Unternehmen auch nur in Betracht zu ziehen. Als ihm Krates schließlich zu verstehen gab, dass er seinen Entschluss bereits gefasst habe, verlor Kallisthenes die Beherrschung. Er entband Krates von seiner Lehrtätigkeit und wies ihn an, binnen einer Woche die Akademie zu verlassen. Krates tat der Bruch mit Kallisthenes sehr leid, zumal er nicht wusste, wo er nun hinsollte. Als er seinen Freund Kastor um Rat fragte, bot ihm dieser an, sich für die Zeit bis zu seiner Abreise bei ihm einzuquartieren. Krates nahm dankend an und zog noch am selben Tag mit Pluto und seiner persönlichen Habe von der Akademie in die Taurosgasse.
Ein paar Tage später erreichte ihn die Nachricht, dass sich Timarchos mit seiner Karawane in der Stadt befinde. Krates traf sich mit ihm und Alexandros in einer Taverne und erläuterte ihnen seine Reisepläne.

»Du könntest uns bis nach Ikonion begleiten«, schlug Timarchos vor. »Dort müssten wir auf die Karawane des Simon treffen, den ich schon seit Jahren kenne und dem du genauso vertrauen kannst wie mir. Simon kann dich bis nach Sagalassos in Pisidien bringen, von wo aus du dann weitersehen müsstest, wie du über Phrygien und Lydien bis nach Pergamon kommst.«
»Das hört sich nach einem weiten Weg an.«
»Beim Hermes, das ist es auch, Junge! Drei oder vier Wochen wirst du bestimmt unterwegs sein. Und nun zu deinem Hauptanliegen: Stephanos erzählte mir, du wollest dein Vermögen in Form von Tieren und Waren nach Pergamon bringen, um sie dort möglichst gewinnbringend wieder zu verkaufen.«
»Das ist richtig«, erwiderte Krates. »Aber ich bin kein Geschäftsmann und weiß folglich nicht, worauf man dabei achten muss. Ich hatte gehofft, dass du mir vielleicht helfen könntest, denn ihr werdet ja sicher öfters neue Pferde einkaufen müssen.«
»Kein Problem. Um wieviel Geld handelt es sich denn?«
»Naja, etwa hunderttausend Drachmen.«

Timarchos hatte sich am Wein verschluckt und begann laut zu husten. Als er sich wieder einigermaßen gefangen hatte, blickte er Krates ungläubig an. »Bei allen Göttern!« flüsterte er entgeistert. »Da haben wir ja einiges zu tun. Doch vorab gilt es noch eine andere Frage zu klären: Ab wann kannst du startbereit sein?«
»Ich denke, jederzeit. Warum?«
»Nun, ich frage, weil wir schon übermorgen weiterziehen, wenn auch vorerst nur nach Mallos. Aber in vierzehn Tagen werden wir nach Ikonion aufbrechen. Wenn du möchtest, kannst du uns dann begleiten. Ansonsten müsstest du dich zwei Monate gedulden.«
»Nein«, sagte Krates fest entschlossen, der es auf einmal sehr eilig hatte. »Je eher, desto besser.«
»Na, schön«, erwiderte Timarchos, »dann mache ich dir folgenden Vorschlag: Du wirst doch vermutlich noch einmal nach Mallos wollen, um dich von deiner Familie zu verabschieden, oder?«

Krates erschrak, als ihm bewusst wurde, dass er seine Lieben in Mallos fast vergessen hätte. Aber er ahnte, worauf der alte Karawanenführer hinauswollte und nickte ihm entschlossen zu.
»Dann begleite uns doch übermorgen nach Süden. Einen Teil deines Vermögens, sagen wir die Hälfte, solltest du uns spätestens in Mallos geben, damit wir dort schon einmal anfangen können für dich Waren und Tiere zu kaufen. In zehn Tagen reitest du mit Alexandros voraus, um in Tarsos die erforderlichen Pferde zu erstehen. Und wenn wir uns dann hier wieder treffen, werden wir dir ein paar unserer Treiber zur Verfügung stellen, die ihr Handwerk verstehen und dich sowie deine Pferde sicher bis nach Pergamon führen.«
Krates nickte. »Das hört sich gut an. Und was kann ich euch als Gegenleistung bieten?«
Timarchos klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. »Wärest du mit zweitausendfünfhundert Drachmen einverstanden? Das entspricht in etwa der Summe, die wir durch die ausgeliehenen Männer neu investieren müssten.«
»Aber natürlich«, erwiderte Krates.

Er zahlte die Runde und kehrte in die Taurosgasse zurück. Am nächsten Tag traf er sich mit Timarchos und drei von seinen Treibern vor dem Apollonheiligtum und ließ ihm fünfzigtausend Drachmen aus seinem Vermögen auszahlen. Timarchos unterschrieb ihm eine Quittung und erinnerte ihn nochmals an ihr morgiges Treffen.
Als sich Krates am nächsten Morgen mit Pluto und seinem festgezurrten Gepäck am unteren Stadttor einfand, begrüßte er Alexandros, der schon auf ihn gewartet hatte, und ließ sich zu der ihm zugeteilten Position führen. Kurze Zeit später setzte sich der lange Handelszug des Timarchos in Bewegung. Während ihres langen Ritts durch die Ebene erzählte Krates von seinem Studium und der anschließenden Zeit als Lehrer an der Akademie. Er berichtete auch vom Tod seines Vaters und seinem abenteuerlichen Ritt durch die Winterlandschaft, von den Bergen und der Thermalquelle, in der er einst mit Agathon gebadet hatte. Alexandros hörte ihm aufmerksam zu und ergänzte Krates’ Geschichten um seine eigenen Erfahrungen, bis sie schließlich die Tore von Mallos erreichten.
»Krates!« rief der kleine Menandros begeistert, als er ihn durch die Ratsgasse reiten sah. »Sieh doch, Dio, da kommt Onkel Krates!«

Diogenes blickte sich um und erkannte seinen Onkel. Stürmisch begrüßten ihn die Kinder und riefen dabei immer wieder so laut seinen Namen, dass Mela aus dem Haus trat und begeistert die Arme ausstreckte.
»Krates, mein Junge! Willkommen zuhause!«
Krates saß ab und gab Mela zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange. Dann ging er in die Hocke und umarmte seine beiden Neffen.
»Habe ich etwa richtig gehört?« rief Agathon verwundert, der soeben mit Orthygia in den Hof kam. Sie umarmten ihn freudig und baten ihn in die Küche, wo ihm Mela eine heiße Gemüsesuppe mit Brot und Wein servierte.
»Jetzt sag schon«, hakte Agathon neugierig nach, nachdem Krates seine Mahlzeit beendet hatte. »Welch guter Wind weht dich hierher?«
»Eine Idee unseres Freundes Philopatros.«
»Philopatros?«

»Genau. Und ich soll dich herzlich von ihm grüßen. Er hat sich bei König Eumenes für mich stark gemacht. Und der bietet mir nun den Posten des Bibliotheksleiters von Pergamon an.«
»Ja, ist denn das die Möglichkeit?« rief Agathon begeistert. »Du gehst nach Pergamon? Wann?«
»In zehn Tagen schon. Solange habe ich noch Zeit. Und die wollte ich gerne mit euch verbringen, wenn ihr nichts dagegen habt.«
Agathon strahlte ihn lange an. Tief bewegt nahm er ihn in die Arme und drückte ihn fest an sich. »Du glaubst gar nicht, wie stolz ich auf dich bin, Krates. Und in Pergamon wirst du dann deine Philosophenschule gründen, nicht wahr?«
»Immer langsam«, beschwichtigte ihn Krates. »Noch bin ich nicht in Pergamon. Außerdem werde ich mich dort erst einmal einleben müssen. Aber ich bin ehrlich gesagt heilfroh, wenn ich endlich aus Tarsos wegkomme.«

Dann erzählte er von seinem unwürdigen Abgang aus der Akademie und dem Streit, in dem sich Kallisthenes von ihm getrennt hatte; von Zenodotos, der sich trotz seiner Abwesenheit so gut in Tarsos eingelebt hatte und von Kastor, bei dem er nun seit einigen Wochen untergekommen war.
Den Rest des Abends verbrachte er mit Agathon in der Küche und ließ ihn bei einem guten Wein von seinem eigenen Schicksal berichten. Wie es schien, war er mit Orthygia und den Kindern ebenso glücklich wie in seiner Stellung als Sekretär. Krates wusste, dass Stephanos ihn vor einigen Jahren ins Rathaus geholt hatte, wo er die Sitzungen protokollierte und die komplizierten Rechenschaftsberichte erstellte.
»Hast du übrigens gehört, dass wir kürzlich von den Piraten angegriffen wurden?«
»Nein«, sagte Krates verblüfft, der sich darüber wunderte, warum er tatsächlich noch nichts davon gehört hatte, wohnte er doch im Hause eines Ratsherren, der solche Nachrichten eigentlich als erster erfahren musste.
»Es war nicht so schlimm, wie es sich anhört, auch wenn wir leider einige Verluste hatten.«
»Erzähl!« forderte ihn Krates auf, während er sich noch etwas Wein nachschenkte.

»Es war Anfang des Sommers. Ich kann mich an den Tag ganz genau erinnern, weil mich Stephanos gebeten hatte, einen Beschluss nach Magarsa hinunterzubringen. Ich selbst habe sie nicht kommen sehen. Aber plötzlich waren sie da. Es waren zehn Schiffe und irgend jemand schrie, die Piraten seien im Hafen. Ich weiß noch, dass ich einen der Leute in Magarsa spöttisch lachen hörte, aber ich dachte nur an Orthygia und die Kinder und bin zurück in die Stadt gelaufen. Dabei meine ich übrigens auch deinen Freund Hippias gesehen zu haben. Aber der Mann war splitternackt und ich bin mir nicht ganz sicher, ob er es wirklich war. Als ich jedenfalls am Stadttor ankam, konnte ich gerade noch die Schiffe sehen, bevor das Tor geschlossen wurde. Am Hafen entbrannte ein wilder Kampf, aber die Piraten waren in der Überzahl. Die meisten derer, die sich damals in Magarsa befanden, wurden getötet oder als Sklaven entführt. Mallos selbst ist, wie du siehst, nichts weiter passiert. Die Seeräuber haben die Hafenmagazine geplündert und gebrandschatzt und sind dann wieder abgezogen. Jedenfalls hat der Überfall zweierlei gezeigt: Erstens, dass die Gefahr durch die Seeräuber, von der dein Vater immer sprach und die bislang keiner so richtig ernst genommen hat, überaus realistisch ist.«
»Und zum Zweiten?« fragte Krates schockiert.

»Zum Zweiten, dass die besten Verteidigungsanlagen nichts nützen, wenn sie nicht mit ausgebildeten Männern bestückt sind, die im Falle eines Angriffs genau wissen, was zu tun ist und notfalls auch bereit sind für die Freiheit des Hafens zu kämpfen.«
»Wieder einmal Thukydides«, murmelte Krates nickend.
»Wie bitte?«
»Ach, ich unterhielt mich kürzlich mit meinen Studenten über einen Gedanken des Thukydides, in der er von der Folge plötzlich und vor allem unerwartet kommender Dinge sprach. Wer Verteidigungsanlagen in dem Glauben baut, sie niemals nutzen zu müssen, gerät natürlich bei einem Ernstfall in Panik. Thukydides nannte das die Knechtschaft des Denkens, wenn der Geist aussetzt und zur totalen Handlungsunfähigkeit führt. Ich hoffe, die Stadt hat daraus gelernt.«
»Ja, davon kannst du wohl ausgehen.«

* * * * * * *

Die kommenden Tage nutzte Krates, um sich mit Stephanos zu treffen und ihm von seinen Pergamonplänen, aber auch von den guten Fortschritten zu berichten, die sein Sohn in Tarsos machte. An den Vormittagen verbrachte er viel Zeit mit seinen Neffen und versuchte wiederholt seinen Jugendfreund Hippias zu finden. Als er am Gymnasion vorsprach, sagten ihm die Wettkämpfer, sie hätten Hippias schon seit Monaten nicht mehr gesehen und allmählich wuchs in ihm die düstere Vorahnung, dass sein Freund am Tag des Überfalls vielleicht doch in Magarsa gewesen sein könnte. Nach etwas mehr als einer Woche erreichte ihn die Botschaft des Alexandros, er habe Krates’ Geld in ein Dutzend herrlicher Rappen investiert sowie in einen Stoß kostbarer Seidenteppiche, die die Karawane des Timarchos in fünf Tagen mitbringen werde. Er bat Krates sich in zwei Tagen bei Sonnenaufgang am oberen Stadttor einzufinden, damit sie zu ihrem gemeinsamen Ritt nach Tarsos aufbrechen konnten.

Sein Abschied aus Mallos war schmerzlich, denn sie alle wussten, dass sie sich vermutlich nie wieder sehen würden. So trösteten sie sich mit der Möglichkeit einander zu schreiben und umarmten sich lange und innig. Schließlich winkten sie ein letztes Mal und Krates verschwand mit Pluto in der Dunkelheit der Gassen. Am oberen Stadttor traf er auf Alexandros, der ihn fröhlich begrüßte.
»Guten Morgen, mein Lieber. Ich hoffe, du hast ausreichend geschlafen und gefrühstückt?«
»Sowohl als auch.«
»Na, dann lass uns zusehen, dass wir hier wegkommen.«

Gemeinsam ritten sie durch die weite Ebene, die allmählich von der hinter ihnen aufgehenden Sonne erhellt wurde. Lange Zeit konzentrierte sich Krates nur auf den Trab seines Pferdes, vereinte sich mit dem gleichmäßigen Rhythmus, in dem ihn Pluto durch die Ebene trug und erst jetzt wurde ihm die Endgültigkeit seines Abschieds bewusst. Der Gedanke seine Familie in Mallos nie wieder zu sehen erfüllte ihn mit einer tiefen Trauer, doch schon bald vermischten sich diese Gefühle mit all den Fragen um seine Zukunft und so wich seine Traurigkeit mehr und mehr einer unbändigen Vorfreude. Alexandros schien seine Gedanken zu ahnen und ließ ihn in Ruhe. Erst nachdem sie den Saros überquert hatten, erkundigte er sich nach ihrer Unterkunft in Tarsos.
Krates lachte. »Wir werden uns bei einem meiner Freunde einquartieren, der dir gut gefallen wird. Sein Name ist Kastor und er ist Ratsherr von Tarsos.«

Alexandros schien von der Idee nicht sonderlich angetan, doch Krates konnte ihn beruhigen.
»Es gibt Menschen, für die es egal ist, wo einer herkommt und was er macht. Für sie zählt nur der Charakter und die Entschlossenheit des Auftretens. Du bist so ein Mensch, sonst würdest du dich kaum mit mir abgeben. Und glaube mir, Kastor gehört zu der gleichen Sorte.«
Als sie am Abend in die Taurosgasse gelangten und an Kastors Tür klopften, begrüßte er seine Gäste mit einem kräftigen Handschlag, wechselte ein paar Worte mit Alexandros und hieß auch ihn willkommen.

* * * * * * *

Am folgenden Morgen erklärte Alexandros, wie er sich die Investition von Krates’ restlichem Vermögen vorstellte. Sie würden zunächst auf den Markt gehen und für rund dreißigtausend Drachmen Pferde kaufen. Diesen Part würde er selbst übernehmen, damit die Tiere auch bis nach Pergamon kämen, wobei Krates der feinsinnige Spott seiner Worte nicht entgangen war. Wenn sie die Pferde bei Kassandros untergestellt hätten, seinem alten Freund und Hauptmann der Kaserne am unteren Stadttor, könnten sie sich auf die Suche nach feinen Seidenstoffen machen, weil diese die kostbarste Ware mit dem gleichwohl geringsten Gewicht darstellten. Sie würden bei den Händlern Tuche im Wert von siebendundzwanzigtausend Drachmen bestellen und diese erst am Nachmittag des nächsten Tages abholen, wenn sie die Pferde von der Kaserne auf den Markt geführt hätten. Dann würden sie sich mit den voll beladenen Pferden zum oberen Stadttor begeben und einfach warten, bis Timarchos mit seinem Zug dort ankäme. Sie würden die erste Nacht mit der Karawane vor dem Taurostor verbringen und am übernächsten Morgen mit den anderen weiterziehen.

Krates war von dem Plan überzeugt und nickte. »Aber wie willst du die Pferde bezahlen? Ich meine, du kannst ja unmöglich dreißigtausend Drachmen mit dir führen.«
»Ganz einfach, wir lassen uns eine Anteilsbescheinigung geben. Das ist im Pferdehandel so üblich, wenn der Einkauf eine gewisse Größe überschreitet. Dazu nehmen wir einen der Priester mit auf den Markt, was natürlich ein paar Drachmen kostet, aber auch nicht sonderlich wehtut. Der Händler gibt uns seine Pferde und du überschreibst ihm dafür deine Anteilsscheine. Der Priester beglaubigt den Wechsel und damit hat sich die Sache für dich erledigt.«

Die Apollonpriester waren nicht nur tüchtig, was das Mehren anderer Leute Geldes betraf, sondern, den Göttern sei Dank, auch zahlungsfähig. Sie händigten Krates das gewünschte Wertpapier aus und gaben ihm gegen ein Entgelt von zwanzig Drachmen einen ihrer Kollegen zur amtlichen Beglaubigung mit. Alexandros war bei den Pferden sehr wählerisch und so liefen sie stundenlang von einem Händler zum nächsten. Als er schließlich einen Stand gefunden hatte, dessen Rappen seinen Ansprüchen genügten, nahm er die Tiere in Augenschein und prüfte sie dabei auf jede Kleinigkeit. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass die Pferde gesund und kräftig waren und den Strapazen einer langen Reise standhalten würden, begann er zu feilschen. Dabei fluchte und höhnte er, spuckte mehrmals auf den Boden und gebärdete sich in einer Art und Weise, die Krates ganz und gar abstoßend fand. Doch Alexandros schien sein Handwerk zu verstehen, denn am Ende hatte er für den beglaubigten Wechsel siebzehn Rappen erstanden, von denen tatsächlich einer schöner war als der andere.

Der Handel hatte für einiges Aufsehen gesorgt und Alexandros wies Krates an die Pferde nicht mehr aus den Augen zu lassen. Sie leinten die Tiere aneinander und trieben sie durch die überfüllten Straßen direkt zur Kaserne am unteren Stadttor. Alexandros fragte nach dem Hauptmann Kassandros, erklärte ihm sein Anliegen und übergab ihm die teure Fracht. Dann ging er mit Krates in eine der nahen Tavernen. Nach dem Essen trennten sich ihre Wege, weil Alexandros müde war und seine Freizeit gerne nutzen wollte, um sich bei Kastor ein wenig auszuruhen. Krates dagegen hatte ihm erklärt, dass er seinen letzten Abend in Tarsos nutzen wolle, um sich von seinem Schüler Zenodotos zu verabschieden und daher vermutlich erst spät nach Hause käme. Als er die Akademie erreichte, spürte einen Hauch von Wehmut in sich aufsteigen. Ihre heiligen Hallen waren ihm in den letzten Jahren so vertraut geworden, dass es ihn sichtlich schmerzte nicht mehr dazuzugehören. Aus Angst Kallisthenes zu begegnen durchschritt er eilig den Garten und klopfte an Zenodotos’ Fensterrahmen.

»Krates!« rief dieser, als er seinen Lehrer erblickte und sprang freudig von seinem Stuhl. »Wie schön, dass du gekommen bist.«
»Kann ich reinkommen?«
»Aber ja. Nachher sieht dich Kallisthenes noch im Garten stehen und holt die Stadtwache. Komm.«
Krates betrat den Raum und war überrascht über die penible Ordnung seines Schülers. Alles lag fein säuberlich gefaltet und akkurat geordnet und nichts deutete auf das Chaos hin, das Krates all die Jahre über begleitet hatte.
»Ich hasse es, zu suchen«, entschuldigte sich Zenodotos lächelnd, als er die Verwunderung seines Lehrers erkannte und richtig deutete.
»Was dir bei entsprechender Übung unseres Spiels auch nicht mehr gelingen dürfte.«
»Du meinst, ich sollte damit weitermachen?«
»Aber unbedingt«, bekräftigte Krates und begann eine Diskussion, die bis in die frühen Abendstunden währte.

»Ich möchte nicht unhöflich sein«, merkte Zenodotos schließlich an, »aber ich bekomme allmählich Hunger.«
»Dann lass uns essen gehen.«
Zenodotos räumte seine Studienunterlagen beiseite und machte sich mit Krates auf den Weg. Vor der Akademie kam ihnen Kallisthenes entgegen, der Krates einen zürnenden Blick zuwarf.
»Bekommst du keinen Ärger, wenn du mit mir ausgehst?« fragte Krates scherzhaft.
»Mach dir keine Sorgen! Mir wird er niemanden auf den Hals hetzen, der mir ernsthaft schaden könnte. Bei dir ist das schon etwas anders.«
»Wieso?« lachte Krates. »Glaubst du wirklich, dass er die Hunde auf mich loslässt?«
»Ich glaube es nicht, Krates, ich weiß es. Kallisthenes hat keinen Hehl daraus gemacht, es in jedem seiner Seminare zu erzählen. Sämtliche Akademien und halb Nordägypten hat er auf dich angesetzt; aber das sollte dir eigentlich keine Kopfschmerzen bereiten. Hunde, die bellen, beißen nicht. Und mehr als bellen können sie ja nicht. Dafür sind sie schließlich viel zu weit weg.«

»Es fällt mir schwer das zu glauben!«
»Die Zeit vergeht und doch: Das Schlechte bleibt besteh’n!«
Krates schnaubte amüsiert. »Sei nicht so pessimistisch, Zeno!«
Sie schlenderten durch die Gassen des Peribolos, in denen die Handwerker gerade ihre Werkstätten und Läden verschlossen. Krates nickte dem alten Schreiner zu, der ihm damals die Holzkugel für seinen Globus verkauft hatte. Er hatte dem Mann von seinem Plan erzählt ein Modell der Erdkugel zu erstellen und ihn davon so sehr begeistert, dass er einen ganzen Nachmittag dozieren musste, bevor er die Werkstatt endlich wieder verlassen konnte. Der Schreiner seinerseits hatte die Geschichte seinen Kollegen erzählt und so wusste es bald das ganze Viertel.
Es begann schon zu dämmern, als sie die kleine Taverne am Theater erreichten, in der sie schon ihr erstes Gespräch über die richtigen Wege geführt hatten.
»Ich selbst«, räumte Krates ein, »bin da leider nicht mit gutem Beispiel vorangegangen. Denn mein Bruch mit Kallisthenes ist wohl der beste Beweis für ein falsch gesetztes Tempo. Aber ich apelliere an dich, Zeno, es auf deinem eigenen Weg besser zu machen.«

»Soll das etwa heißen, dass du auch mir rätst Tarsos eines Tages zu verlassen?«
»Nun, ich denke, dass du mehr Kapazitäten besitzt, als dir die Akademie je wird abverlangen können. Aber wer weiß? Vielleicht bist du ja hier auch bis an dein Lebensende glücklich.«
Zenodotos brach unvermittelt in Tränen aus. Er weinte still, doch sein Schluchzen ging Krates sehr nahe. Er winkte dem Wirt für die Rechnung und zahlte. Als sie die Taverne verließen, merkten sie, dass es spät geworden war. Die vom Mondschein matt erleuchteten Gassen waren menschenleer und nur die Grillen zirpten ihr einsames Lied. Krates nahm seinen Schüler an den Schultern und nickte ihm verlegen zu. »Abschiede wie dieser hier sind nicht gerade meine Stärke.«
»Werde ich dich wiedersehen?« fragte Zenodotos traurig.
»Wenn es den Göttern gefällt …«

Sie umarmten sich ein letztes Mal und wünschten sich Glück. Auf dem Weg in die Taurosgasse konnte Krates durch die sternklare Nacht bis auf die Gipfel der Kilikischen Pforte blicken. Morgen schon würde er Tarsos verlassen und er dachte voller Ungeduld und Vorfreude an seine bevorstehende Reise.
Der kommende Tag begann viel zu früh. Verkatert und unausgeschlafen schnürte Krates sein Reisebündel, damit sie am Nachmittag sofort aufbrechen konnten. Dann begab er sich mit Alexandros in die Stadt, um sich von den Priestern des Apollonheiligtums das restliche Kapital seines Guthabens in Wertpapieren und Barem auszahlen zu lassen. Am Markt trennten sie sich. Alexandros machte sich auf die Suche nach qualitätvollen Seidentuchen, während Krates die Zeit nutzen wollte, um sich bei den Obst- und Gemüsehändlern einen ausreichenden Vorrat an Trockenfrüchten, Nüssen und Pinienkernen zuzulegen.

Gegen Nachmittag trafen sie sich bei Kastor, von dem sie sich herzlich verabschiedeten und ihm für seine Gastfreundschaft dankten. Dann zogen sie mit ihren voll bepackten Pferden zur Kaserne am unteren Stadttor. Der Hauptmann Kassandros händigte ihnen die siebzehn Pferde aus, die sie wieder aneinander leinten und mit ihren eigenen Pferden zum Oberen Markt führten. Die Sklaven des Stoffhändlers, mit dem sich Alexandros geeinigt hatte, halfen ihnen beim Verladen der unzähligen Seidentuche und so brachen sie schließlich zum Taurostor auf. Der Weg durch die Stadt gestaltete sich schwieriger als gedacht, denn die Hauptstraße war dermaßen überfüllt, dass Krates ständig von der Mitte des Zuges nach hinten und wieder nach vorne rennen musste, um keines der Pferde ausscheren zu lassen. Als sie nach einer guten Stunde das obere Stadttor erreicht hatten, war Krates mit seinen Kräften fast am Ende. Sie banden die Tiere an die Eisenringe vor der Stadtmauer und ließen sich erschöpft auf den Boden fallen.
»Du machst deine Sache sehr gut«, lobte ihn Alexandros.
»Bei Athena, ich bin Philosoph und kein Treiber! Aber ich habe es ja selbst so gewollt.«

»Und eine elegantere Möglichkeit hunderttausend Drachmen zu transportieren, wirst du kaum finden. Meine Güte, was für ein Vermögen! Timarchos wird dir die restlichen Pferde und Tuche aus Mallos mitbringen und es sollte mich ernsthaft wundern, wenn du in Pergamon nicht auch noch Gewinn machst.«
Der Nachmittag brachte etwas Wind aus den Bergen und Krates nutzte die Zeit des Wartens, um seinem Begleiter die Grundzüge der Geometrie zu erklären. Kurz nach Sonnenuntergang traf die Karawane des Timarchos ein und die große Ebene vor Tarsos füllte sich langsam mit Mensch und Tier. Alexandros hatte sich schnell um die Zusammenführung von Krates’ eigenem Handelszug gekümmert und seine siebzehn Pferde aus Tarsos mit den zwölfen aus Mallos vereint. Dann holte er Timarchos und machte Krates mit seinen Treibern bekannt. Während des Abends stellte Krates erleichtert fest, dass er mit jedem seiner sechs Begleiter gut zurecht kam. Er erzählte von sich, seiner Vergangenheit in Mallos und Tarsos und seiner noch ungewissen Zukunft in Pergamon und hatte es binnen kürzester Zeit geschafft die Gemeinschaft seiner Treiber auf ihn einzuschwören. Er hätte sich gerne noch länger mit ihnen unterhalten, doch sie rieten ihm zur Nachtruhe, denn der morgige Ritt durch die Kilikische Pforte sei vermutlich anstrengender als alles, was er je erlebt habe.

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