KRATES – Buch 2 – Kapitel 13

Ihr Aufbruch zog sich unerwartet in die Länge, weil sie in der Marschordnung die letzten waren und ihren Lagerplatz erst verließen, als sich die Vorhut des Klearchos längst auf dem weit unter ihnen liegenden Weg befand. Die Landschaft der Kalkterrassen endete genauso abrupt, wie sie begonnen hatte und bald befanden sie sich auf dem langen Abstieg in die grüne Ebene des Maiandrostales. Die Wege, über die sie nun zogen, waren sehr viel breiter und bequemer als die, über die sie nach Hierapolis gekommen waren und Klearchos legte mit seiner Karawane ein so beachtliches Reisetempo an den Tag, dass sie bereits am Abend die Stadt Apollonia Salbake erreichten.

Der nächste Tag begann mit einem krachenden Donnerschlag. Über Nacht war ein kräftiges Gewitter aufgezogen, dessen dunkle Wolken über den Gipfeln des Tmolosgebirges hingen und sich bei Sonnenaufgang direkt über Apollonia Salbake entluden. Es begann fürchterlich zu regnen und auch der Wind frischte zunehmend auf. Links und rechts von ihnen schlugen schon die Blitze ein und die verschlafenen Treiber hatten bald alle Hände voll zu tun, um die in Panik ausbrechenden Pferde in Zaum zu halten. Klearchos entschloss sich zu einem raschen Aufbruch und gab Order das Frühstück auf die erste Rast zu verschieben, damit sie dem Unwetter entkommen und den Tmolos mit seinen verregneten Schlammpfaden so schnell wie möglich hinter sich lassen konnten.

Der Weg führte über steile Serpentinen auf eine Hochebene, die nur von vereinzelten Tannen und klobigen Felsen bestanden war. Krates’ Laune verschlechterte sich von Stunde zu Stunde. Ein Morgen ohne die Muße, sich in Ruhe zu waschen und ausgiebig zu frühstücken, war nicht seine Sache. Und dann diese Berge, immer nur Berge! Ein paar mal hielt er inne, weil er meinte, zwischen den Tannen und Felsen eine Bewegung gesehen zu haben. Doch jedesmal, wenn er Hippias darauf aufmerksam machte und sie gemeinsam den Punkt fixierten, an dem Krates meinte, etwas gesehen zu haben, war schon nichts mehr zu erkennen.

Das Gewitter war mittlerweile einem dichten Nebel gewichen, der sich über die Hochebene legte und die Tannen und Felsen in unheimliche Schattengestalten verwandelte. Der Weg wurde flacher und zwischen zwei gewaltigen Berghängen erkannten sie bereits den Pass. Krates fühlte sich noch immer beobachtet und schaute gerade nach seinen Treibern Skythos und Medion, die hinter den Lasttieren am Ende des Handelszuges ritten, als er ein sirrendes Geräusch hörte. Der pergamenische Treiber, der hinter ihm ritt, fasste sich blitzschnell an den Hals und fiel vom Pferd. Krates hielt schon an, um abzusteigen und dem Treiber zu helfen, als er den Pfeil sah, der den Treiber durchbohrt hatte. Entsetzt blickte er in die Nebelschwaden und hörte das sirrende Geräusch erneut. Im nächsten Moment prasselten unzählige Pfeile auf die Karawane und die Treiber gerieten in Panik.

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Krates hörte Hippias schreien, er solle den anderen folgen und ritt im Galopp hinter den Pergamenern her. Doch kurz vor dem Gipfelpass, der zwischen zwei gewaltigen Berghängen hindurchführte, stürzten mehrere Tannen auf den Weg und trennten den vorderen Zug von seinem Tross. Pluto bäumte sich auf und hätte Krates beinahe abgeworfen. Dichter Qualm zog plötzlich durch die Nebelbänke und sie erkannten die brennenden Scheiterhaufen, die vereinzelt in der Hochebene standen und die Tiere scheuen ließen. Unter den Treibern brach ein heilloses Chaos aus. Die Pferde wieherten in Panik und liefen kreuz und quer durch die Ebene. Und obwohl sie noch immer beschossen wurden, blieb der Feind weiterhin unsichtbar. Krates sah Dutzende von Pergamenern sterben und war längst abgestiegen, um sich hinter seinem Pferd zu verstecken. Er dachte daran zu fliehen, doch wohin sollte er bei dem Nebel schon reiten. Zitternd vor Angst klammerte er sich an Pluto und versuchte vergeblich in dem Durcheinander seine Kameraden auszumachen.

Im nächsten Moment wurde die Hochebene von einem ohrenbetäubenden Geschrei erfüllt. Donnerndes Pferdegetrappel näherte sich der Karawane und bald sahen sie eine wilde Horde furchteinflößender Krieger, die in die Flanken des Handelszuges vorpreschten und die Tiere auseinandertrieben. Auch Pluto wollte ausbrechen, doch Krates hielt ihn fest am Zügel und lief mit ihm hinter einen der Felsen. In Windeseile hatten die Angreifer die restliche Formation des Handelszuges aufgelöst und verschwanden mit den Lasttieren in einem der Seitentäler. Die kurz darauf einsetzende Ruhe war fast noch unheimlicher als der Krach des Angriffs. Krates stand mit Pluto hinter dem Felsen und stieß kurze, unkontrollierte Schreie aus. Sein Körper zitterte so heftig, dass er fürchtete, die Zügel seines Pferdes zu verlieren, und als ihn jemand von hinten berührte, wäre er fast in Ohnmacht gefallen. Er wandte sich um und sah Hippias, der mit seinem Pferd hinter ihm stand und ihn mit aschfahlem Gesicht anstarrte. Verkrampft klammerten sie sich aneinander und schrieen ihre Angst heraus.

In der Zwischenzeit war ein leichter Wind aufgekommen und es begann zu regnen. Das Feuer der brennenden Scheiterhaufen wurde kleiner und kleiner, bis es schließlich ganz erlosch, und der sich auflösende Nebel offenbarte ein Bild des Grauens. Die Hochebene glich einem Schlachtfeld. Unter dem Gipfelpass lagen mehr als zwei Drittel der pergamenischen Karawanentreiber am Boden und kämpften noch immer mit dem Tod. Krates und Hippias nahmen ihre Pferde am Zügel und stolperten in Richtung des Weges, auf dem sie vor kurzem noch den Hang hinaufgezogen waren. In einiger Entfernung sahen sie die umgekippten Baumstämme, die weiterhin den Gipfelpass versperrten und den Handelszug gespalten hatten. Wie mochte es den Kameraden auf der anderen Seite ergangen sein?
Noch immer unter Schock blickte Krates um sich und sah unendlich viel Leid. Viele von denen, die den Pfeilhagel überstanden hatten, waren von den Schwertern der angreifenden Reiter verstümmelt worden. Zwischen den toten Männern und verendenden Pferden sahen sie einige pergamenische Treiber, die den Angriff überlebt hatten und ebenso wie sie nach ihren Gefährten suchten. Der Angriff war so überraschend gekommen, dass Krates noch immer nicht verstand, was eigentlich passiert war. Durch den Nebel waren die Feinde quasi aus dem Nichts erschienen. Ein sauber ausgeführter Hinterhalt, schnell und effizient, doch er war zu verwirrt, um den Gedanken weiter zu verfolgen.

In einiger Entfernung sah er zwei seiner Pferde, die etwas großes hinter sich herschleiften. Er stieß Hippias an und deutete in ihre Richtung. Als sie die Tiere erreichten und erkannten, was sie hinter sich herzogen, drehte sich ihnen der Magen um. Es war der tote Körper ihres Treibers Medion, der sich die Zügel um das rechte Handgelenk geschlungen hatte und offensichtlich an einen der bewaffneten Reiter geraten war. Jedenfalls fehlte ihm der linke Arm. Sein Gesicht und sein Oberkörper waren durch das Schleifen auf dem steinigen Untergrund bis zur Unkenntlichkeit entstellt, doch das Silberkettchen an seinem Hals gehörte unverkennbar ihm. Krates würgte und übergab sich.

Kurze Zeit später hörten sie ihren Namen und erkannten Hegesias, Leandros und Omikron, die mit ihren Pferden hinter einem Felsvorsprung hervorkamen. Krates sank in die Knie und musste sich ein zweites Mal übergeben. Sie umarmten einander und weinten vor Erleichterung. Nach und nach spürte Krates, wie er die Kontrolle über sich zurückgewann. Der Himmel klarte zunehmend auf und erst jetzt wurde das ganze Ausmaß der Verwüstung deutlich. Von den ursprünglich achtzig Mitgliedern der Karawane hatten den Angriff, Krates und die Seinen inbegriffen, nur zweiundzwanzig überlebt. Und auch von den anfänglich dreihundert Lasttieren waren fast Dreiviertel verschwunden oder im Pfeilhagel verendet. Überall in der Hochebene verstreut lagen die Waren, die ehemals auf den Tieren befestigt waren. Wer zu stark verwundet oder geschwächt war, um die in Panik ausgebrochenen und auf die Hänge geflohenen Pferde wieder einzufangen, sammelte die noch brauchbaren Handelsgüter ein oder beteiligte sich an dem Räumtrupp zur Entfernung der Baumstämme am Gipfelpass. Wie sich später zeigte, war der vordere Zug, in dem auch Klearchos verwundet worden war, sehr viel stärker in Mitleidenschaft gezogen worden als der hintere Teil der Karawane. Da die dortigen Treiber nicht nur all ihre Lasttiere, sondern auch ihre eigenen Pferde verloren hatten, mussten sie den Marsch ins Hermostal später zu Fuß antreten. Zuvor aber hielten sie zusammen und retteten, was es zu retten gab.

Hegesias und Leandros konnten vier weitere von Krates’ Pferden einfangen, auf deren Rücken sich sogar noch die Tuche befanden, die die Treiber erst am Morgen dort befestigt hatten. Bei der Suche nach weiteren Stoffen stießen sie auf Skythos, der mit dem Gesicht nach unten im nassen Schlamm einer Wiesenpfütze lag und hinterrücks von vier Pfeilen durchbohrt worden war. Krates und seine Gefährten taten es den Pergamenern gleich und hoben zwei Gräber aus, um ihre toten Freunde nach dem Brauch der Karawanen am Rande der Handelsstraße zu bestatten.
Da Omikron im Schlachtgetümmel sein Pferd verloren hatte, suchten sie in der Hochebene nach einem toten Reittier, nahmen ihm den Sattel ab und schnallten ihn auf das sechste von Krates’ übrig gebliebenen Lastpferden. Es ging schon auf den Nachmittag zu, als Klearchos vom Gipfelpass in sein Signalhorn blies und sich der klägliche Rest der Karawane langsam in Bewegung setzte. Während sie über den Gipfelpass zogen, an dessen Wegesrand die zur Seite geschafften Tannenstämme lagen, konnte Krates auf den vollen Handelszug blicken und schauderte. Von der ehemals mächtigen Karawane war fast nichts mehr übrig geblieben. Anstelle der Handelswaren trugen die Lastpferde nun die Schwerverletzten und der Trupp der zu Fuß gehenden, einst so stolzen Pergamener glich eher einem Zug gedemütigter Kriegsgefangener.

Krates fühlte sich hilflos und niedergeschlagen. Er hatte zwei seiner lieb gewonnenen Treiber und Fünfsechstel seines Vermögens verloren. All die Mühen der vergangenen Wochen schienen vergebens, doch er war noch am Leben, ja sogar unversehrt, und er dankte den Göttern für ihre Gnade. Das Hermos-Tal, das sie nun über sanfte Kurven erreichten, machte einen so idyllischen Eindruck, dass sie unter anderen Umständen vermutlich gejubelt hätten. Doch unter den Treibern waren nur noch Wut und Rachegelüste. Wie Krates erfuhr, waren es die mit Pergamon verfeindeten Galater, die sie im Tmolos überfallen hatten und die von König Eumenes hoffentlich in einer baldigen Strafexpedition endgültig vernichtet werden würden.

Gegen Abend erreichten sie die alte Königsstraße, deren gepflasterte Trasse dem Flusslauf des Hermos folgte. Marmorne Meilensteine, die noch aus der Perserzeit stammten, informierten in regelmäßigen Abständen über die Entfernung bis nach Sardes. Als sie schließlich in der lydischen Hauptstadt ankamen, waren sie am Ende ihrer Kräfte. Krates dachte an Myron, der ihm einst die Legende von dem Hirten Gyges erzählt hatte, der ebenso aus Sardes stammte wie der für seinen Reichtum berüchtigte König Kroisos. Aber Krates war ebenso niedergeschlagen wie seine Gefährten und auch, wenn sie fast die einzigen waren, die den Abend freiwillig bei der Karawane verbrachten, waren sie doch glücklich, als sie sich endlich in ihre Decken verkriechen und einschlafen konnten.

Als sie am folgenden Morgen aus Sardes aufbrachen, wurden die Verluste des Vortages für jeden schmerzlich spürbar. Schweigend durchmaßen sie die lydische Ebene und umrundeten langsam den Fuß des Sipylos-Berges. Am Nachmittag schlängelte sich der Weg noch einmal in die Berge. Stundenlang ritten sie durch dichte Laubwälder, bis sie in den frühen Abendstunden die Stadt Aigai erreichten. Auch Aigai war zu klein, um selbst den stark dezimierten Handelszug innerhalb der Stadtmauern aufnehmen zu können, so dass sie ein letztes Mal auf freiem Feld lagern mussten. Klearchos hatte ihnen versichert, dass sie hier nichts zu befürchten hätten und so ließ es sich Krates nicht nehmen gemeinsam mit Hippias und Hegesias einen Abendspaziergang durch die Stadt zu machen. Aigai schien ungeheuer reich zu sein. Bewundernd schauten sie auf die Terrassenbauweise, mit der sich die oberen Viertel über gewaltige Hangmauern von den unteren abgrenzten. Sie schlenderten durch die Straßen und Treppengassen und kauften sich auf dem Markt ein paar Lebensmittel für das Abendessen.

Am nächsten Tag führte sie Klearchos durch die dichten Mischwälder gen Norden und Krates merkte, wie sich die Laune der pergamenischen Treiber mit jeder Stunde mehr entspannte. Am Nachmittag legten sie noch eine letzte Rast ein, bevor sie die restliche Etappe bis zum Abend durchmarschieren würden. Krates setzte sich mit seinen Treibern unter eine große Eiche und blickte ergriffen auf die unter ihnen liegende Ebene und den fernen Burgberg von Pergamon.

In seinem Kopf schienen sich die Gedanken zu überschlagen, deshalb zwang er sich zur Ruhe und genoss die Nähe seiner verbliebenen Treiber, so lange er sie noch um sich hatte. Nachdenklich betrachtete er den kleinen Omikron, den er in den letzten Wochen so lieb gewonnen hatte, dass er sich gut vorstellen konnte, eines Tages selbst Kinder zu haben. Im Gegensatz zu Hegesias und Leandros hatte er weitaus größere Mühe den Verlust der Freunde zu verkraften. Als Krates ihn weinen sah, setzte er sich neben ihn und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Sofort erhellte sich die Miene des Jungen und er fiel Krates um den Hals.
»Stellt euch vor«, verkündete er stolz, »Krates hat mir eben das Pferd geschenkt.«

Hippias und die Treiber nickten Krates anerkennend zu. Doch noch bevor sie ihm danken konnten, blies Klearchos in sein Horn und sie saßen auf. Der wuchtige Burgberg von Pergamon kam unaufhaltsam näher und Krates schätzte, dass die Oberburg vielleicht fünf- oder sechshundert Fuß über der Ebene liegen musste. Schon von Weitem konnte er das große Theater erkennen, das sich wie eine riesige Muschel in den Hang unterhalb der Akropolismauern bettete. Auf der Oberburg entdeckte er zahlreiche Gebäude, aus denen Rauch aufstieg und die offensichtlich noch bewohnt waren. Unterhalb davon erstreckte sich die Stadt, die sich bis in die Ebene hinabzog und ringsum von hohen Mauern umgeben war.

Es begann schon zu dämmern, als sie an einem großen Heiligtum vorbeizogen, von dem ihm Klearchos erklärte, dass hier das berühmte Asklepieion von Pergamon läge, jenes Kuratorium, in das die Leute von weit her kämen, um sich heilen zu lassen. Gerade preschte eine Gruppe berittener Soldaten an ihnen vorbei und eilte zum Haupttor, als ihnen ein junger Mann vom Straßenrand zurief, ob sie wohl Myrrhe mit sich führten. Die Karawanentreiber verneinten und erklärten Krates, dass sie den Ärzten vom Asklepieion ab und zu Heilkräuter mitbrächten, die sie dann meist schon hier am Straßenrand verkauften.
»Dann kommt dieser Mann also vom Asklepieion?«
»Ja, sein Name ist Orpheus.«
Krates erkannte die Chance und ritt zu ihm. »Ich hörte, dein Name sei Orpheus.«
»Ganz recht.«

»Sag, kennst du hier einen Arzt namens Philopatros?«
»Aber natürlich«, erwiderte Orpheus ruhig und deutete mit dem Daumen über seine Schulter. »Der sitzt dort hinten im Asklepieion. Hast du ihm etwas mitgebracht oder soll ich ihm eine Nachricht übermitteln?«
»Sag ihm einfach, Krates aus Mallos sei angekommen und übernachte heute in der Karawanserei. Kannst du das behalten?«
Der junge Mann nickte und wandte sich zum Gehen. Krates rief ihm seinen Dank hinterher und ritt eilig zur Karawane zurück. Je näher sie den gewaltigen Befestigungsanlagen kamen, desto mehr verstand Krates, warum diese Stadt bislang noch nie eingenommen werden konnte. Die Mauern waren an die fünfzig Fuß hoch und machten einen so soliden Eindruck, dass sie vermutlich jeder Art von Geschossen standhalten konnten. Die Karawane überquerte eine der Brücken über den Selinus-Bach und gelangte kurze Zeit später an das klobige Stadttor, das die pergamenischen Treiber als das Eumenische bezeichneten.

Stück für Stück schob sich der Handelszug in die Stadt und erst, als Krates und seine Treiber selbst das Tor passierten, wurde ihnen klar, warum der Einzug so lange gedauert hatte. Hinter dem Tor nämlich kam man erst in einen kleinen Vorhof, von dem aus der Weg in entgegengesetzter Richtung durch ein zweites Tor in die Stadt führte. Krates hatte einige Mühe sein Pferd auf dem kleinen Vorplatz in die Gegenrichtung zu drehen und lächelte über die einfache Konsequenz dieser strategischen Rafinesse: Selbst, wenn der Feind das Tor einschlug, musste er immer noch um diesen Knick herum und würde dabei von den Mauern oberhalb des Hofes mit reichlich Pech und Schwefel übergossen werden.

Kurz hinter dem Stadttor gelangten sie auf eine breite, gepflasterte Straße, von der aus sie aber gleich wieder nach rechts abbogen, um das mächtige Tor der Karawanserei zu passieren. Der Gebäudekomplex für die Karawanen lehnte sich direkt an die Stadtmauern und besaß in etwa die gleiche Größe wie die Herbergen von Ikonion und Sagalassos. Nachdem die Pferde in den Stallungen untergebracht und ausreichend versorgt waren, stand Krates benommen im Hof der Herberge und blickte über die Dächer der Häuser auf den steilen Burgberg. Ab und zu stieß ihn jemand zur Seite oder schimpfte, weil er im Weg stand, doch er nahm von all dem nichts mehr wahr. Er befand sich endlich am Ziel seiner Reise, von dem er seit fast drei Monaten geträumt hatte.

»Krates, mein Freund, was machst du denn da?« rief ihm jemand zu und Krates drehte sich verwundert zu seinen Gefährten um, die aber nur müde hinter ihn zeigten.
»Meine Güte, warst du zu lange in der Sonne oder was ist los?«
Krates wandte sich abermals um und sah in die strahlenden Augen des Philopatros. Sie begrüßten sich überschwänglich und nahmen sich immer wieder in die Arme. Dann führte ihn Krates zu seinen Gefährten und machte sie miteinander bekannt.
»Ein Wunder«, lächelte Philopatros ironisch, »dass ihr ihn überhaupt bis hierhin bekommen habt. Aber wie schön, dass du nun endlich da bist. Beim Asklepios, wie ich mich freue!« Philopatros machte eine kurze Pause, in der er Krates glücklich anlächelte. »Ich kann mich noch gut genug an meine eigene Rückkehr aus Tarsos erinnern, um zu ermessen, wie müde du sein musst.«

»Bist du auch überfallen worden?« erkundigte sich Krates.
Philopatros wirkte überrascht. »Überfallen?« wiederholte er ungläubig.
»Galater«, erwiderte Hegesias ungefragt und spie verächtlich auf den Boden. »Sechzig Männer haben sie getötet, darunter zwei meiner Kameraden. Vom Verlust der Pferde und Waren ganz zu schweigen.. Möge Zeus sie allesamt verrecken lassen!«
Philopatros war geschockt und blickte Krates fragend an.

»Es passierte gestern im Tmolosgebirge. Und ich habe fast alles verloren.«
Philopatros biss sich auf die Lippe und wandte sich ab. »Die Galater also«, sagte er leise. »Es ist lange her, dass sie etwas derartiges gewagt haben. Ich war ehrlich gesagt davon ausgegangen, dass sie König Eumenes besiegt hätte.«
Hegesias schnaubte spöttisch. »Offensichtlich war er damit nicht sonderlich erfolgreich.«
Philopatros tat, als hätte er die respektlose Bemerkung des Treibers nicht gehört. »Es tut mir leid«, sagte er nur, »dass ihr Verluste hattet. Aber ich nehme an, du hast den weiten Weg vor allem unternommen, um unsere Bibliothek zu erreichen.«

»Natürlich«, nickte Krates. »Und ich danke den Göttern, dass sie mich bis hierhin geführt haben.«
»Weißt du denn schon, wo du dich in den nächsten Tagen melden musst, um in die Bibliothek zu kommen?«
»Ehrlich gesagt, nein.«
»Geh einfach zum oberen Burgtor hinauf und frag nach Ariston. Er ist fast jeden Tag im Palast, wenn er nicht gerade auf Reisen ist. Aber ich glaube, morgen und übermorgen müsste er da sein. Alles weitere wirst du von ihm erfahren.«
»Danke für den Ratschlag. Und danke auch, dass du so schnell gekommen bist.«
»Aber das ist doch klar. Melde dich, sobald du hier Fuß gefasst hast. Du findest mich meistens im Asklepieion. Und sollte ich nicht dort sein, hinterlass mir einfach eine Nachricht. «
Philopatros winkte ihm noch einmal zu und bestieg sein Pferd. Von der Straße hinter der Karawanserei hörten sie eine fröhliche Musik und es schien, als würde irgendwo in der Nähe gefeiert. Doch ihnen war nicht nach Feiern zumute. Der lange Ritt hatte ihnen deutlich zugesetzt und so fühlten sie sich jetzt, da sie ihr Ziel endlich erreicht hatten, ausgelaugt und müde.

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