KRATES – Buch 2 – Kapitel 15

Entschuldige das unsanfte Wecken«, spottete Hippias, als Krates endlich erwachte, »aber meinst du nicht auch, dass es besser wäre, wenn du aufstehst, bevor der königliche Marktbeamte vorbeikommt?«
Mit einem Satz war Krates auf den Beinen. Verschlafen blinzelte er in den leeren Hof und erkannte Leandros und Hegesias, die schon dabei waren die Pferde zu striegeln und auf Hochglanz zu polieren. Da Klearchos mit seiner Karawane gestern Morgen abgezogen und seitdem kein neuer Handelszug eingetroffen war, hatten sie die gesamte Karawanserei für sich. Hippias hatte mit einem der Wächter gesprochen und von diesem die Erlaubnis erhalten die Pferde um einen zentralen Pfeiler im Hof zu postieren und die wertvolle Tuchladung um sie herum zu drappieren. Als schließlich die Morgensonne das dunkle Fell der Tiere zum Leuchten brachte und sich dabei in den silbrigen Fäden der Tuche brach, geriet Krates vor Bewunderung über seine eigene Ladung ins Schwärmen.

Sie hatten kaum mit dem Frühstück begonnen, als der königliche Marktprüfer erschien. Verwundert über das ungewöhnliche Arrangement im Hof begrüßte er Krates und nickte den Treibern förmlich zu. Dann nahm er zuerst die Pferde in Augenschein und war sichtlich beeindruckt. Wie beim Pferdehandel so üblich, ging er sehr behutsam vor, doch so sehr er auch suchte und mit der Zunge schnalzte, er konnte nichts finden, was seinen Ansprüchen nicht genügt hätte. Dann wandte er sich den Tuchen zu und tastete bewundernd über den hübschen Seidenstoff. »Das sind ja Waren von erlesener Qualität.«
»Wahrlich«, pflichtete ihm Krates bei. »Und ich bin heilfroh, dass ich wenigstens diesen Rest bis nach Pergamon bekommen habe.«
Der Marktprüfer nickte und rief irgendeinen Befehl, den Krates nicht verstehen konnte. Dann wandte er sich wieder den Pferden zu.

»Na gut«, hob er an, »wärest du damit einverstanden, wenn ich dir pro Pferd zweitausendfünfhundert Drachmen zahle und sagen wir sechzig Drachmen pro Tuch?«
Krates rechnete schnell die Summen zusammen und musste lachen. »Da du den König vertrittst, will ich nicht mit dir feilschen. Ja, ich bin einverstanden.«
Sie besiegelten den Kaufvertrag mit einem Handschlag und der Marktprüfer stellte ihm ein Wertpapier über zwölftausend Kisto-phoren aus. Krates fragte vorsichtig, wie viel das in Drachmen sei, weil er sich mit dieser Währung noch nicht auskannte.
»Ungefähr eins zu vier«, antwortete ihm der Beamte gelassen. »Drachmen haben in der Regel nur regionale Gültigkeit. Die Kistophoren dagegen kannst du im gesamten Reichsterritorium verwenden.«
Kurze Zeit später traf eine Gruppe von Sklaven ein, die die Pferde aus dem Hof führten und die Tuche auf einen Karren verluden. Der Marktprüfer notierte noch etwas auf seinen Wachstafeln und überreichte Krates die Schlüssel zu seinem neuen Haus. Dann verabschiedete er sich und eilte zurück auf den Markt. Wie gebannt starrte Krates auf sein Wertpapier.

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Es bescheinigte ihm einen Kapitalbestand von immer noch achtundviezigtausend Drachmen, den die Athenapriester für ihn verwahrten. Die Sklaven des Königs hatten den Hof inzwischen mit den Pferden und Tuchen verlassen und Krates kam sich auf einmal sehr einsam vor. Benommen wandte er sich seinen Treibern zu, die ihm stolz zunickten.
»Nehmt eure Pferde, wir ziehen in die Philetaireia.«

Sie führten die Tiere über die Hauptstraße und brauchten ewig lange, bis sie die Engpässe der Baustellen hinter sich hatten. Als sie endlich die Telephosgasse erreichten, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Krates schloss die Haustür auf und bat seine Freunde einzutreten.
»Wie schön ruhig es hier ist«, wunderte sich Leandros, der von den vielen Baustellen tief beeindruckt gewesen war.
»Ja, nicht wahr?« freute sich Krates. »Ein guter Ort, um sich zu entspannen.«
»Na, dafür fehlt dir hier aber noch einiges, würde ich sagen.«
»Stimmt, aber deshalb habe ich euch ja auch gebeten, mir zu helfen. Als erstes brauchen wir etwas zu essen und genügend Heu und Stroh für die Pferde. Ich würde vorschlagen, dass ihr das übernehmt, während Hippias und ich uns erkundigen, wo wir Möbel, Decken und Kissen bekommen.«

Er gab ihnen genügend Geld mit und forderte sie auf, so viel Heu und Stroh mitzubringen, wie ihre Pferde tragen konnten. Hippias war derweil ins Haus gegangen und bestaunte die Räumlichkeiten. Als er die Galerie im Obergeschoss betrat und über die Dächer der Philetaireia blickte, pfiff er begeistert durch die Zähne. Krates trat zu ihm und legte ihm den Arm über die Schulter. Eine ganze Zeitlang standen sie schweigend da und blickten stumm in die Ebene. Erinnerungen ihrer Reise zogen an ihnen vorüber und sie genossen die leichte Brise, die für eine erfrischende Kühlung sorgte.
»Ein wundervoller Ort«, befand Krates. »Ich habe mir übrigens vorgestellt, diesen Raum hier zu meinem Schlafzimmer zu erklären. Wenn du willst, kannst du den länglichen Raum haben. Du kannst aber natürlich auch ins Untergeschoss ziehen.«

»Ich glaube, dass mir das lange Zimmer nebenan besser gefällt. Dann können wir uns abends noch auf die Galerie setzen und bei einem kühlen Wein in die Sterne gucken.«
»Hört sich gut an. Aber jetzt lass uns zusehen, was wir an Möbeln brauchen. Als erstes wären da zwei Betten. Oder möchtest du lieber auf dem Boden schlafen?«
Unbeschwert schritten sie von einem Raum in den nächsten und notierten sich das gewünschte Mobiliar auf Krates’ alte Wachstafeln. Da er über genügend Mittel verfügte und sich über das Bestehen seiner Probezeit auch keine ernsthaften Sorgen machte, mussten sie nicht sparen, sondern konnten das Haus gleich von Anfang an so einrichten, wie es ihren Wünschen entsprach.
Als sie schließlich fertig waren und sich erschöpft das kalte Brunnenwasser ins Gesicht spritzten, waren zwei Stunden vergangen und sie rechneten mit der baldigen Rückkehr der drei Treiber. Krates bat Hippias, mit der Liste auf den Markt zu ziehen und zu erkunden, wo sie die Möbel und Stoffe wann und zu welchem Preis erstehen könnten. Er selbst wolle auf Leandros und seine Gefährten warten, um ihnen beim Tragen zu helfen. Tatsächlich kamen die Treiber genau in dem Moment, als Hippias das Haus verließ und zogen lachend mit ihren Stroh- und Heuballen ins Haus. Mit dem Stroh auf dem Boden sah der Stall gleich viel besser aus und Krates bestimmte die seitliche Kammer neben dem Pferdestall zum Heuschuppen. Er half ihnen beim Tragen der restlichen Ballen und stellte zufrieden fest, dass sie genügend Heu und Stroh geholt hatten, um damit die nächsten zwei Monate über die Runden zu kommen.

Hippias blieb bis zum frühen Nachmittag fort und sie vertrieben sich die Zeit des Wartens mit Erinnerungen an Skythos und Medion. Krates erzählte ihnen von Epikur und dessen Einstellung zum Tod. Und er hatte das deutliche Gefühl, dass es ihnen half, den Verlust der Freunde besser zu verkraften. Als Hippias schließlich zurückkehrte, legte er die Mobiliarliste, die er um die Händleradressen und entsprechenden Preise ergänzt hatte, auf den Boden des Hofes.
»Junge, Junge. Das wird ganz schön teuer.«
»Wie viel?« fragte Krates.
»Über zweitausendfünfhundert Drachmen. Genauer gesagt: sechshundertsechzig Kistophoren.«
»Stimmt, das ist viel Geld. Davon konnte ich damals zwei Jahre studieren. Aber was soll’s? Erstens bin ich jetzt vermögender als damals und zweitens brauchen wir uns dann in Zukunft keine Gedanken mehr um unsere Einrichtung zu machen. Bekommen wir denn alles direkt auf dem Markt?«

»Du kriegst dort, was immer du willst. Aber ich denke, davon sollten wir Abstand nehmen. Mir riet nämlich einer der Gemüseverkäufer, ich solle die Sachen doch lieber direkt bei den Handwerkern holen, wo sie die Markthändler letztlich auch erstehen. Auf diese Weise spart man sich den Preisaufschlag.«
»Gute Idee. Aber wie sollen wir diese Handwerker ausfindig machen?«
Hippias schnaubte verächtlich. »Was glaubst du denn, wo ich die ganze Zeit gewesen bin? Der günstigste Schreiner, den ich finden konnte, heißt Alkamenes und hat seine Werkstatt in der Alten Mauergasse, zwei Häuserblocks von hier entfernt. Die Betten und Tischliegen, die wir haben wollen, hatte er nicht vorrätig. Die Tische und Schränke muss er erst ausmessen, weshalb ich ihn auf heute Nachmittag bestellt habe. Er müsste also jeden Moment vorbeikommen. Aber die kleinen Tische und Lehnstühle können wir schon nachher bei ihm abholen.«
»Sehr gut«, lobte ihn Krates. »Und was hast du sonst noch herausfinden können?«

»Die drei großen Teppiche für den Hauptraum und unsere beiden Zimmer holen wir am besten bei dem Weber Silanios in der Pangasse. Die haben da übrigens eine tolle Auswahl an Kissen und Decken.
Für das Geschirr wurde mir der Töpfer Archias empfohlen, der seinen Laden in der Nikephorosgasse hat. Wenn wir die Schüsseln und Schalen direkt bei ihm kaufen, sparen wir fast das Doppelte des Marktpreises. Das Geschirr, das wir haben wollten, ist nicht so schwer, aber es ist eben viel Kleinkram. Naja, und den Rest bekommen wir dann tatsächlich auf dem Markt, wobei deine Papyrusblätter noch das teuerste sind.«
»Wunderbar!« freute sich Krates. »Ich habe schon geschaut, wie viel Geld ich noch bei mir trage und kam auf siebzig Kistophoren. Das heißt, wir könnten nachher die Lehnstühle und die Tischchen kaufen und anschließend in der Stadt etwas essen gehen.«
»Dann kaufen wir den Rest also morgen ein?«
»Ganz recht, aber zuerst wollen wir hier noch ein wenig sauber machen.« Er schickte Leandros und Omikron auf den Markt, damit sie zwei Besen, Eimer und Lappen kauften.

Kurz nachdem die Treiber das Haus verlassen hatten, klopfte ein Mann an die Tür und stellte sich als der Schreiner Alkamenes vor. Krates führte ihn durch das Haus und erzählte ihm, wie er sich die Betten und Tischliegen vorstellte und wo er die Tische und Schränke platzieren wollte. Alkamenes maß die Räumlichkeiten sorgfältig aus und machte sich gewissenhaft Notizen. Dann dankte er Krates für den Auftrag und meinte, dass er die bestellten Möbel in vier bis fünf Tagen liefern könne. Er verabschiedete sich und verließ mit Hippias und Hegesias das Haus, die die drei Lehnstühle und sechs kleinen Tische abholen sollten.

Nachdem Leandros und Omikron vom Markt zurückgekehrt und auch Hippias und Hegesias voll bepackt wieder in der Telephosgasse angekommen waren, machten sie sich daran, das Haus gründlich durchzufegen und alte Flecken von den Wänden und Holzdielen zu entfernen. Als die Sonne schließlich untergegangen war, fühlte sich Krates in seinem gereinigten Haus um einiges wohler. Er führte seine Gefährten in eine der nahen Tavernen gegenüber der Altarbaustelle und lud sie zu einem oppulenten Abendessen ein. Den Abend verbrachten sie mit einer Amphore Wein im Hof von Krates’ Haus. Sie hatten ihre Reisedecken zu einem Kreis formiert und bedauerten es fast, dass sie im Hof kein Feuer anzünden konnten. Doch der klare Sternenhimmel vermochte einiges wett zu machen und so währte ihre Diskussion um die Vor- und Nachteile des Stadtlebens bis spät in die Nacht.

Als Krates am folgenden Morgen erwachte, stand die Sonne schon so hoch am Himmel, dass sie über das Dach des Pferdestalls in den Hof schien. Vergnügt erkannte er, dass sein Haus alle Geräusche der Straßen und Märkte, der Baustellen und sogar der Nachbarhäuser verschluckte. Stattdessen umgab sie eine friedliche Stille, die nur von Omikrons Schnarchen durchbrochen wurde. Er ging zur Zisterne und hievte einen Eimer Wasser in den Hof, aus dem er sich in aller Ruhe wusch. Nach und nach erwachten auch seine Gefährten und machten sich an die Vorbereitungen ihres Frühstücks.
»Kann es sein«, fragte Leandros mit schmerzverzerrtem Gesicht, während er auf seinem Brot rumkaute, »dass die hier in ihrem Weizen mehr Steinmehl drinhaben?«
»Das ist mir auch schon aufgefallen«, bemerkte Krates. »Hängt vermutlich mit dem weichen Andesit zusammen.«
»Wieso sind im Brot überhaupt Steinsplitter?« fragte Omikron.

»Das kommt von den Mühlsteinen«, erklärte ihm Hegesias. »Wenn der Stein des einen Mühlsteines auf dem des anderen reibt, gelangen kleine Steinsplitter in das Mehl. Und die werden natürlich mitgebacken, was unser Freund Leandros mit seinen schlechten Zähnen besonders merkt.«
Nach dem Frühstück machte sich Krates mit Pluto und seinem Wertpapier auf den Weg zur Akropolis. Er fragte sich bis zum Oberpriester Brasides durch und bat ihn um die Auszahlung von eintausendzweihundert Kistophoren. Nachdem ihm dieser vier schwere Lederbeutel ausgehändigt und Krates die Geldsäcke auf Plutos Rücken verstaut hatte, kam er noch auf den Erhalt des Bibliotheksschlüssels zu sprechen.
»Wann willst du denn hier anfangen?« fragte der Priester
»Ich dachte an übermorgen.«
»Dann komm übermorgen nochmal vorbei.«

Krates bedankte sich und machte sich wieder auf den Heimweg. Zuhause angekommen deponierte er seine Geldbeutel und verteilte vierhundert Kistophoren auf zwei Lederbeutel, die er mitnehmen wollte, um sein restliches Mobiliar einzukaufen. Er bat seine Gefährten ihre Pferde mitzunehmen sowie genügend Seile, um die gekauften Waren zu sichern und zog mit ihnen in die Philetaireia. Mehrere Male mussten sie hin und herziehen und als sie schließlich am Nachmittag ein letztes Mal voll bepackt von ihren Einkäufen in die Telephosgasse zurückkehrten, glich der Hof des Hauses einem riesigen Warenlager. Krates und Hippias waren gerade dabei den Teppich im Hauptraum auszurollen, als es an der Tür klopfte und noch einmal der Schreiner Alkamenes erschien. Zwei Betten, sagte er, habe er schon mitgebracht und die Schränke für die Küche und die Vorratskammer ebenso.

Krates bezahlte den Schreiner und half ihm und den Treibern beim Hereintragen der Möbel. Allmählich lichtete sich das Chaos und wich mehr und mehr dem Eindruck eines stilvollen und geordneten Haushalts. Als sie endlich fertig waren und erschöpft, aber glücklich in Krates’ fertig eingerichtetem Hauptraum saßen, war die Sonne schon fast untergegangen.
»Was ist?« fragte Krates und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Wollen wir jetzt etwas essen gehen?«
»Ja«, antwortete Leandros, »aber nicht in der Stadt. Wir haben uns nämlich überlegt, dass wir dich heute Abend selbst bekochen wollen.«
»Gewissermaßen als Dank«, fügte Hegesias hinzu, »für die schöne Zeit, die wir miteinander verbringen konnten.«
»Das wird unser letztes gemeinsames Abendessen«, schloss Omikron, »und dein erstes in deinem fertigen Haus.«
»Was für eine schöne Idee«, sagte Krates gerührt.

Während sich Leandros und seine Gefährten in die Küche begaben, um dort mit der Zubereitung des Abendessens zu beginnen, setzten sich Krates und Hippias in den Hauptraum.
»Wie schön wir es hier haben, findest du nicht?«
»Doch«, nickte Hippias beifällig, »der weiche Teppich und die Kissen machen es richtig gemütlich. Und dass du heute Morgen noch an Öllampen gedacht hast! Die hätte ich glatt vergessen.«
»Naja, das letzte Tageslicht reicht höchstens noch für eine halbe Stunde, dann können wir hier drinnen nichts mehr sehen. Wir haben vorhin sogar noch ein bisschen Feuerholz gekauft, damit wir uns nach dem Essen wenigstens den Kamin anmachen können. Nicht, dass es hier kalt wäre, aber du weißt ja, wie sehr sie das Feuer lieben.«
Ein lautes Klopfen riss sie aus ihrer Unterhaltung und Krates erhob sich, um an die Tür zu gehen. Auf der Straße standen zwei gepflegt aussehende Männer, die ihn freundlich begrüßten.
»Guten Abend«, sagte der eine. »Mein Name ist Plautos und ich bin dein Nachbar zur Linken. Mein Freund Ariston erzählte mir heute, dass du der neue Bibliotheksleiter des Königs seist und im Haus des alten Dositheos wohnst. Sei also willkommen, Krates, und nimm diese Amphore mit attischem Öl als kleinen Willkommensgruß von mir und meiner Familie.«

Krates begrüßte die Männer mit einem herzlichen Handschlag und bedankte sich. Dann bat er Plautos und seinen Begleiter ins Haus. Nachdem sie eingetreten waren und Krates die schwere Ölamphore an Hegesias weitergegeben hatte, ergriff der andere Mann das Wort.
»Und ich bin Theseus, dein Nachbar zur Rechten. Doch bei allem Respekt vor den pergamenischen Bräuchen, die es uns gebieten einen neuen Nachbarn gebührend willkommen zu heißen, ich denke, dass zwei Amphoren mit Öl vielleicht doch ein bisschen zu viel des Guten sind. Deshalb schenke ich dir zum Einstand den besten Wein, den meine Kelterei in den letzten Jahren zu Stande gebracht hat.«
»Ich bin tief gerührt, auch wenn ich denke, dass Ariston mal wieder hoffnungslos übertrieben hat. Aber ich freue mich euch in meinem Hause begrüßen zu dürfen. Wir wollten gleich etwas essen. Wenn ihr möchtet, wäre es mir eine Ehre euch dazu einzuladen.«

Plautos und Theseus wechselten einen kurzen Blick und nickten einander entschieden zu. Dann wandte sich Theseus wieder zur Tür.
»Ich sag nur kurz zuhause Bescheid.«
Während Theseus aus dem Haus eilte, schaute sich Plautos mit anerkennenden Blicken um.
»Ariston erzählte mir, dass du erst seit drei oder vier Tagen in Pergamon bist. Dafür bist du aber schon erstaunlich gut eingerichtet.«
»Stimmt«, lächelte Krates. »Das meiste haben wir heute Morgen geholt. Der Rest wird dann in den nächsten Tagen folgen.«
Aus der Küche wehte ihnen eine Wolke frischer Bratendüfte entgegen. »Na, das riecht ja schon köstlich«, befand Plautos anerkennend.
»Wohl wahr«, schmunzelte Hippias, der soeben in den Hauptraum trat. »Was Leandros und seine Kameraden da zusammenbrauen, sieht mir nach dem Allerfeinsten aus. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen für zwei appetitverwöhnte Mägen mitkochen.« Dann wandte er sich mit einem breiten Lächeln an Plautos.

»Mein Name ist Hippias und ich stamme wie Krates aus Mallos. Wir sind zusammen hergeritten, um in Pergamon unser Glück zu versuchen. Bei Krates hat das mit dem Glück schon geklappt. Ich dagegen muss noch zusehen, wie ich meine Künste an den Mann bringe.«
»Was hast du denn in Mallos gemacht?« fragte Plautos.
»Nun«, log Hippias schamlos, »hauptsächlich studiert, vornehmlich Geometrie und Mathematik. Außerdem habe ich manchmal auf dem Bau mitgeholfen und dort das Anpacken gelernt. Ich hoffe, dass die Pergamener für das eine oder andere eine Verwendung haben.«
»Weißt du, wie man Land vermisst?« hakte Plautos interessiert nach und nickte seinem Nachbarn Theseus zu, der soeben zurückgekehrt war.
»Ich habe es nie in der Praxis erprobt«, gab Hippias zu und fühlte sich auf dem sicheren Terrain der Wahrheit wieder wesentlich wohler. »Aber in der Theorie könnte ich jede Strecke und jede Berghöhe ermitteln. Das ist kein Problem.«

»Nun«, wandte sich Plautos lächelnd an seinen Nachbarn, »wie es scheint, haben wir hier einen jungen Ingenieur sitzen, der von seinen Fähigkeiten noch gar nichts weiß.«
»Wenn du ihn einsetzen kannst, warum nicht?«
»Wir werden sehen. Du musst wissen, dass ich Ingenieur bin und für den König die große Wasserleitung plane, die aus den Bergen nordöstlich von Pergamon auf die Akropolis führen soll. Das erste Stück der Leitung haben wir bereits fertig. Das zweite ist in Arbeit, doch die letzte Etappe bereitet uns noch arges Kopfzerbrechen. Da können wir zur Zeit jeden Mathematiker und Geometer gebrauchen. Aber das kann ich natürlich nicht allein entscheiden. Schließlich sind es die Gelder des Königs.«
Krates hatte dem Gespräch aufmerksam zugehört und die Option, dass Hippias ebenso wie er eine Anstellung finden könnte, erfüllte ihn mit Hoffnung und Freude. Er verfügte zwar über genügend Mittel, um für sich und seinen Freund zu sorgen, doch er wusste auch um die Befriedigung einer festen Aufgabe und wünschte ihm von Herzen eine Chance.
»Aber ich würde vorschlagen«, fuhr Plautos fort, »dass du dir erst einmal die Baustelle ansiehst. Vielleicht gefällt dir diese Arbeit ja gar nicht und dann können wir uns das alles auch sparen.«
»Notfalls kannst du auch für mich arbeiten«, bot sich Theseus an. »Mir gehören die großen Plantagen und Weinhänge außerhalb der Stadt, nahe dem Asklepieion. Und für Leute, die gut anpacken können, habe ich immer eine Verwendung.

Krates räusperte sich lächelnd. »Was haltet ihr davon, wenn wir den Wein anbrechen, den uns Theseus mitgebracht hat? Oder muss ich den nach pergamenischem Brauch alleine austrinken?«
Das Gelächter der beiden Männer war ihm Antwort genug und so ging er in die Küche, um die Amphore zu holen. Leandros nickte ihm zu und fragte, da sie nun mit dem Essen bald fertig seien, ob es nicht angemessener wäre, wenn Krates mit den Nachbarn allein äße.
Krates merkte, dass er zornig wurde. »Verdammt noch mal, Leandros!« rief er empört. »Es sind Nachbarn. Vielleicht werden sie meine Freunde, vielleicht bleiben sie auch einfach nur gute Bekannte, wer weiß. Aber ihr, ihr seid meine Freunde, oder etwa nicht? Und wenn ihr mit einem Philosophen und Bibliotheksleiter speisen könnt, warum sollt ihr es dann nicht auch mit einem Ingenieur und einem Plantagenbesitzer tun können?«

Zu seiner Überraschung nahm ihn Leandros strahlend in die Arme und drückte ihn fest an sich. »Den Göttern sei gedankt! Einen Freund wie dich gibt es kein zweites Mal.«
Krates kehrte zu seinen Gästen zurück und entschuldigte sich für den Zwischenfall. Hippias verzog das Gesicht, doch Plautos und Theseus nickten ihm anerkennend zu.
Hegesias und Leandros betraten den Raum und brachten jeder zwei Trinkschalen mit gemischtem Wein, die sie Krates und Hippias und den beiden Gästen reichten.
»Dein Name ist also Leandros?« fragte Theseus.
»Das ist richtig.«
»Na gut, Leandros. Dann hol den Wein und einen Krug Wasser, deine Trinkschale und deine Kameraden und setz dich zu uns. Schließlich wollen wir hier nicht alleine anstoßen.«
Leandros lachte und verließ den Raum, um bald darauf mit seinen Freunden und zwei Amphoren wiederzukehren. Nachdem sich die Treiber ihren Wein mit Wasser gemischt hatten, hob Leandros seine Trinkschale.

»Trinken wir auf Krates, den besten Freund, den ein Mann sich nur wünschen kann.«
»Und auf Pergamon«, fügte Krates hinzu.
»Auf Krates und Pergamon«, lächelte Plautos.
»Und auf die Freundschaft«, ergänzte Hippias lachend.
Sie prosteten sich zu und tranken einen tiefen Schluck.
»Der schmeckt aber köstlich«, staunte Hippias. »Stammt der Wein von hier oder von außerhalb?«
»Das ist echter pergamenischer Wein«, erklärte Theseus stolz.
»Wie wäre es, wenn wir mit meinem Salat beginnen?« fragte Omikron in die Runde.

Die Treiber brachten einen Leckerbissen nach dem anderen und schließlich stand der ganze Teppich voller Köstlichkeiten, was Krates einerseits in Entzücken versetzte, ihm andererseits aber auch deutlich machte, dass er noch einen großen Esstisch kaufen musste.
Ihr letzter Abend wurde ebenso lang wie unterhaltsam. Die Treiber fühlten sich in der Gesellschaft der beiden Pergamener völlig ungezwungen und berichteten freimütig von ihren Reisen und der Faszination der Bergwelt. Plautos und Hippias unterhielten sich angeregt über den Beruf des Ingenieurs und Theseus ließ sich von Krates über seine bisherige Laufbahn unterrichten. Als er ihn fragte, ob Krates bereit wäre, seinen Sohn Artemon, der schon unter Dositheos öfters Schreibarbeiten in der Bibliothek verrichtet hätte, in die stoische Philosophie einzuführen, erklärte sich Krates freudig einverstanden. Das Geld, das ihm Theseus dafür bot, lehnte er ab, bat aber darum, dass ihm Artemon bei seiner Aufgabe in der Bibliothek ein wenig zur Hand ginge. Später zündeten sie den Kamin an, was Omikron einen sehnsüchtigen Seufzer entlockte und hockten sich in kleinen Grüppchen um das Feuer. Als schließlich der Hof vom matten Mondschein erleuchtet wurde, verabschiedeten sich die beiden Nachbarn und gingen zurück in ihre Häuser.

»Ob mich Plautos tatsächlich einstellt?« fragte Hippias benommen.
»Ich wünsche es dir von Herzen«, sagte Krates und fügte schmunzelnd hinzu: »Du studierter Geometer!«
»He, komm! Was ist schon dabei? Hast du noch nie geschummelt, um den Preis nach oben zu drücken?«
»Eher um ihn nach unten zu bekommen, du Dummkopf!«
Der letzte Satz war Krates so rausgerutscht und auch, wenn er ihn im Weinrausch und ohne Argwohn ausgesprochen hatte, hielt er doch inne, denn er war sich nicht sicher, ob sich Hippias überhaupt noch an die Szene in Sagalassos erinnerte und wenn doch, ob er darüber auch lachen konnte. Aber er konnte es und Krates atmete erleichtert auf.
»Das war überhaupt der Gipfel!« lachte Hippias. »Hat euch Krates erzählt, wie er mich in Sagalassos freigekauft hat?«
Die Treiber sahen ihn gespannt an, als er fortfuhr.

»Der Halsabschneider von Sklavenhändler verlangte fünfhundert Drachmen für meinen Kopf und unser Freund Krates brüllte ihn an, fünfhundert Drachmen für einen solchen Dummkopf wie mich seien ja wohl ein schlechter Scherz.«
Krates biss sich auf die Lippen, als er sah, wie seine Treiber die Luft anhielten und ihn fassungslos anstarrten.
»Er hat um mich gefeilscht, dass sich die Balken bogen und den Preis schließlich bis auf dreihundertfünzig Drachmen runtergedrückt.«
»Mehr hatte ich auch gar nicht dabei«, schloss Krates. »Ich musste also feilschen. Hattest du mich eigentlich gleich erkannt?«
»Nicht sofort«, erwiderte Hippias. »Ich hatte dich schon eine ganze Weile beobachtet und dachte mir nur: Da steht ein freier Mann, der sieht genauso aus wie Krates. Anfangs habe ich mich gewundert, wie sich zwei Menschen so ähnlich sehen können, doch dann sah ich den Talisman, den ich dir damals in Mallos geschenkt hatte. Und von dem Moment an gab es keinen Zweifel mehr.«
»Na«, lachte Krates erleichtert, weil sie so ungezwungen darüber reden konnten, »ganz so einfach hatte ich es nicht. Ich wusste bis zuletzt nicht, ob du es wirklich warst.«

Diesmal war es Hippias, der ihn ungläubig anstarrte.
»Und … und warum hast du mich dann gekauft? Vielleicht wäre ich ein ganz anderer gewesen, der nur zufällig genauso aussieht und dann hättest du dein Geld zum Fenster rausgeschmissen.«
»Tja«, antwortete Krates müde, »das hätte ich dann wohl. Aber was sind schon dreihundertfünzig Drachmen gegen die lebenslange Ungewissheit, dass du es vielleicht doch gewesen sein könntest? Ich jedenfalls konnte und wollte damit nicht leben.«
Er räusperte sich leise und schichtete das Feuer im Kamin zusammen. »Es ist spät, Freunde, und ich würde vorschlagen, dass wir unseren heutigen Abend beenden. Ihr könnt von mir aus hier am Kamin übernachten. Ich persönlich möchte den Luxus genießen, endlich wieder einmal in meinem eigenen Bett zu schlafen.«
»Oh ja«, seufzte Hippias. »Davon habe auch ich die letzten vier Monate allzuoft geträumt.«
»Wer könnte euch das verdenken?« schmunzelte Leandros. »Dann habt eine gute Nacht. Und danke für den schönen Abend.«
»Nein«, protestierte Krates kopfschüttelnd. »Wir danken euch! Es war ein wirklich gelungenes Abschiedsessen, das mir in guter Erinnerung bleiben wird.«

Sie umarmten einander und wünschten sich eine gute Nacht. Krates und Hippias stiegen mit zwei Öllampen über die Holztreppe ins Obergeschoss und verharrten noch eine Weile auf der Galerie. Verträumt blickten sie in die sternklare Nacht, über die Dächer der schlafenden Stadt und die weite, nur vom Mondschein erhellte Ebene vor Pergamon. Irgendwo schrie ein Käuzchen und in der Unterstadt bellten die Hunde.
»Manchmal«, sinnierte Hippias leise, »denke ich, dass das ganze Leben nur ein Traum ist. Ein Traum, der ebenso schön sein kann wie böse, aber zwischendurch gibt es dann immer wieder Augenblicke, in denen man aus diesem Traum erwacht und für einen kurzen Moment in der Lage ist, das Ganze aus der Distanz zu betrachten.«
Er machte eine kurze Pause und legte Krates freundschaftlich den Arm über die Schulter. »Ich weiß, dass ich hier ein freier Mann bin und aus meinem Traum aufwachen kann, wann immer ich möchte. Aber ich werde nie vergessen, was du für mich getan hast, Krates. Niemals.«

Krates lächelte ihm glücklich zu und wünschte ihm eine gute Nacht. Dann öffnete er seine Zimmertür und stellte die Öllampe auf den Nachttisch neben seinem Bett. Obwohl die Fenster weit geöffnet waren, roch es nach dem frischen Holz des Bettes und der Wolle des Teppichs. Erschöpft ließ er sich auf die Matratze fallen und bemerkte, wie angenehm hart sie war. Ein Glücksgefühl überkam ihn, als er daran dachte, dass er sich gleich in seine Decke hüllen und wie damals mit dem Blick in den Sternenhimmel einschlafen würde. War es wirklich ein Zufall, dass er Hippias in Sagalassos gefunden hatte? Krates glaubte an das Schicksal, zumindest an die Ziele eines jeden Lebens, die feststanden, ganz gleich, ob man sie sich selbst ausgesucht hatte, bevor man geboren wurde oder ob sie einem von den Göttern oder sonstigen Urkräften per Los zugeteilt worden waren.

An den Zielen, die sich nicht planen ließen und zu denen man wohl auch den Zeitpunkt des Todes rechnen musste, konnte man folglich nichts ändern. Aber der Weg zu den Zielen und das Reisetempo, diese beiden Parameter konnte jeder frei bestimmen. Es war nur eine Frage des Bewusstseins. Er erinnerte sich oft an seinen früh verstorbenen Onkel, der Kaufmann gewesen war und immer gesagt hatte: Lebe oder du wirst gelebt! Das war nichts anderes als die Aufforderung zu einem höheren Bewusstsein und Krates hielt von dieser Aufforderung sehr viel. Denn wie immer man es auch betrachtete: Wenn er und Hippias diese Nacht an diesem Ort verbrachten, dann nur aufgrund einer Entscheidung, die er selbst ganz bewusst so getroffen hatte. Das war kein Glück oder Schicksal, sondern sein eigener Weg. Die Gedanken in seinem Kopf überschlugen sich, als er daran dachte, die Epen Homers noch einmal unter dieser Fragestellung zu lesen. Doch der Blick in den sternklaren Nachthimmel beruhigte ihn und so dämmerte er langsam in einen tiefen und erholsamen Schlaf.

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