KRATES – Buch 3 – Kapitel 20

»Mein lieber Freund«, begrüßte ihn Eumenes, »was höre ich da von deinen Heldentaten?«
Krates lachte. »Welche meiner Heldentaten meinst du denn?«
»Ariston erzählte mir von deiner Rede, die du vor den Milesiern gehalten hast. Kurz und prägnant und doch sehr feinsinnig. Von der Freiheit als kostbarstes Gut, das es zu verteidigen gilt und für dessen Erhalt man sich einsetzen muss.«
»Ja, das schien mir am angemessensten.«
»Wie spannend! Magst du mir erzählen, wie du zu diesem Urteil gelangt bist?«

»Nun ja«, erklärte Krates und setzte sich ungefragt auf einen der Stühle, »der Ratsherr zum Beispiel, der uns in Milet empfing, war ein aufgeblasener Opportunist, der mir sein Fähnchen allzu oft nach dem Wind zu hängen schien und die Bürger, mit denen wir in Kontakt kamen, verhielten sich uns gegenüber so unterwürfig, dass ich nicht den Eindruck hatte, als wären das die Gründe, weswegen du diese Stadt einst freigesprochen hast. Es schien mir also ratsam sie nochmals an die wahren Tugenden zu erinnern, die man sich von einem Bundesgenossen wünscht.«
»Die da wären?«
»Zum Beispiel Stärke, Loyalität und Charakter.«

»Gut«, sagte der König leise und nickte ihm nachdenklich zu. »Sehr gut. Ariston hat wahrlich nicht übertrieben, was deine Fähigkeiten angeht. Du handelst überlegt und entschlusskräftig, kannst analytisch denken und beherrschst die Sprache wie ein Tänzer seine Füße. Ich glaube, du bist genau der Mann, den ich auf meiner nächsten Mission dabei haben möchte.«
Krates entfuhr ein Seufzer, denn er dachte sehnsüchtig an seine Arbeit, auf die er sich nun schon seit fast zwei Wochen nicht mehr richtig hatte konzentrieren können.
»Denkst du an die Bibliothek?«
»Ja, das tue ich.«
»Aber deine Leute sind doch in der Zwischenzeit gut vorangekommen. Und wie Brasides mir erzählte, ist deine Anwesenheit für die Arbeitsorganisation auch gar nicht notwendig.«
»Das mag sein.«

»Krates, ich weiß, dass dein Herz für die Philosophie schlägt und ich möchte dich auch nicht mehr beanspruchen als notwendig. Doch die nächste Aufgabe ist wichtiger als die Bibliothek, denn ihr Scheitern brächte nicht nur unsere Sicherheit, sondern auch deinen Posten in Gefahr.«
Krates horchte auf. »Steht es denn wirklich so schlimm?«
»Ich fürchte ja. Die Galater geben noch immer keine Ruhe. Sie halten sich nicht an unsere Verträge und sticheln weiter. Es ist nichts Großes dabei, keine Gewaltmärsche und keine offiziellen Kriegserklärungen. Doch die Guerillataktik des Plünderns und Verwüstens kann unsere Macht auf Dauer genau so schwächen wie jeder große Feldzug.«
»Und was können wir dagegen tun?«

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»Nun«, lächelte Eumenes und nahm die Karaffe vom Tisch, um sich etwas Wasser einzuschenken. »Die Galater spielen mit dem Feuer. Sie wissen, dass sie unsere gemeinsamen Verträge verletzen, aber sie setzen auf meinen Stolz, mich nicht an die Römer zu wenden, deren Hilfe ich schon einmal beanspruchen konnte, zumal die Römer in Asien ihre eigenen Interessen haben. Aber wir müssen in dieser Sache aktiv werden. Das ägäische Meer ist nur bis in den frühen Herbst befahrbar und wenn wir es nicht mehr in dieser Saison schaffen, wird es vielleicht zu spät sein. Ich habe daher beschlossen dich in fünf Tagen mit meinem Bruder Attalos und zehn weiteren Delegationsmitgliedern nach Rom zu schicken.«
»In fünf Tagen schon?« fragte Krates erschrocken.
»Ganz recht. Regele das Notwendige und pack deine Sachen. Wenn alles glatt läuft, bist du in zwei Monaten wieder zu Hause.«
»In Ordnung«, sagte Krates und erhob sich, denn die Unterredung war beendet. Eiligen Schrittes begab er sich in die Bibliothek, um mit seinen Schreibern die Aufgaben während seiner Abwesenheit zu besprechen.

»Grüß dich, Krates«, rief Leonidas, der gerade einen Stapel Papyri auf den großen Tisch vor dem Eingang wuchtete, um sie mit Wachs zu versiegeln.
Krates hob die Hand zum Gegengruß. »Wie kommt ihr voran?«
»Ganz gut«, antwortete Artemon, der mit einem zweiten Stoß Schriften vor die Tür gekommen war. »Wenn wir mit diesen Papyri hier fertig sind, haben wir exakt hunderttausend Schriften in unserem Katalog.«
»Alle Achtung!« freute sich Krates.
»Und unsere bisherigen Bemühungen haben auch noch ein ganz anderes Phänomen offengelegt. Aber das sollte dir vielleicht lieber Artemon erzählen, der es nämlich entdeckt hat.«
Krates wandte sich neugierig an seinen Schüler, der vor Stolz strahlte und sich den Rock gerade zog.
»Wir haben festgestellt, dass die Bibliothek, zumindest nach den Schriften, die wir bisher katalogisiert haben, fast nur aus epischen und historiographischen Werken besteht. Astronomie und Geographie sind so gut wie gar nicht vertreten und die Prosa lässt ebenfalls sehr zu wünschen übrig.«

»Aha«, überlegte Krates, »ihr meint, wir sollten die Sammlung abschließend einmal auf die Stärke ihrer Themenbereiche überprüfen. Das hört sich ganz vernünftig an.«
»Zumal wir Buch darüber führen könnten, für welche Themen sich die von außen kommenden Gelehrten interessieren. Sollte es da zu wiederholten Nachfragen kommen, die wir nicht decken können, wissen wir wenigstens, wo wir ansetzen müssen.«
Krates rieb sich begeistert die Hände. Die Vorteile seiner Katalogisierung schienen sich mehr und mehr zu bestätigen. »Wie seid ihr denn die letzte Woche ohne mich ausgekommen?«
»Ach, das ging ganz gut«, antwortete Leukippos, der sich mittlerweile mit Demetrios zu ihnen gesellt hatte. »Aber es ist natürlich lustiger, wenn du dabei bist.«

»Es ist nämlich so«, begann Krates die Situation zu beschreiben. »Eumenes hat mir einen weiteren Auftrag gegeben, den ich ihm und Pergamon schulde. Doch dieser Auftrag wird mich nach Rom führen und das liegt, wie ihr sicher wisst, nicht gerade um die Ecke. Ich schätze, dass wir dafür acht bis zehn Wochen unterwegs sein werden, aber ich möchte nicht, dass meine Abwesenheit auf Kosten unserer Arbeit geht.«
»Pergamon kann froh sein«, nickte Leonidas stolz, »einen Mann wie dich in seinen Reihen zu haben. Wann reist du ab?«
»In fünf Tagen schon. Ich möchte daher, dass ihr euch bis morgen früh intensive Gedanken darüber macht, welche Materialien ihr für die kommenden Wochen benötigt und welche Schwierigkeiten auftreten könnten, für die ihr meine Hilfe braucht.«
»Wird gemacht. Bis du schon mal in Rom gewesen?«
»Nein. Es ist ein weiter Weg und ich war ehrlich gesagt auch nie darauf aus den Oskiern persönlich zu begegnen.«
Leonidas pfiff durch die Zähne, während ihn Artemon und Leukippos ängstlich anstarrten.

»Was ist?« fragte sie Krates.
»Du scheinst ja den Römern nicht gerade freundlich gesonnen.«
»Warum sollte ich? Ich weiß, dass sie eure Bundesgenossen sind. Aber mit ihrem politischen Kalkül gehen sie über Leichen. Und wenn meine Heimat vor die Hunde geht, so geschieht das nicht nur mit dem Wissen, sondern auch mit der Billigung der Römer. Stellt euch nur vor, sie würden sagen: Was gehen uns die Galater an? Seht zu, wie ihr allein zurecht kommt! Was ich übrigens für gar nicht so unwahrscheinlich halte, denn welches Interesse sollten sie an einem starken Pergamon haben?«
»Bleibt nur zu hoffen, dass sie deine Abneigung nicht spüren.«
»Da sei unbesorgt«, erwiderte Krates ernst. »Ich werde kämpfen wie ein Löwe.«

* * * * * * * * *

Die Tage verstrichen und Krates spürte eine zunehmende Unruhe. Unter anderen Umständen hätte er sich wahrscheinlich gefreut eine so große Reise unternehmen zu dürfen, deren Unterkünfte und Verpflegung nicht nur überaus luxuriös ausfielen, sondern ihn auch keine Kistophore kosteten. Doch irgendetwas sagte ihm, dass die Dinge nicht so einfach lagen, wie sie schienen. Zum einen hatte er ernsthafte Schwierigkeiten an den Erfolg ihrer Reise zu glauben, zum anderen wusste er um die Tücken des Meeres und fürchtete sich vor einer Überwinterung in der Fremde. Hinzu kam, dass er seine eigentliche Aufgabe in der Bibliothek vernachlässigen musste und auch keine Zeit mehr zum Forschen und Schreiben hatte. Nein, diese Reise passte ihm überhaupt nicht und allein die Vorstellung, die Oskier um Hilfe zu bitten, hinterließ bei ihm einen bitteren Vorgeschmack. Aber es half nichts. Er konnte und wollte Eumenes nicht vor den Kopf stoßen, deshalb musste er diese Reise antreten, ob es ihm passte oder nicht.

Am Abend vor ihrer Abreise traf sich die Delegation im Palast, um den königlichen Segen entgegenzunehmen und mit einem festlichen Essen verabschiedet zu werden. Krates hatte den Nachmittag in der Bibliothek verbracht und mit seinen Kollegen alles besprochen, was es für die Zeit während seiner Abwesenheit zu bereden gab. Leonidas hatte wieder die stellvertretende Bibliotheksleitung übernommen und Artemon kümmerte sich weiterhin um die Dokumentation ihrer Arbeiten, so dass Krates außer dem Abschiedsschmerz keinerlei Bedenken hatte die Bibliothek für eine Weile zu verlassen.

»Guten Abend«, begrüßte ihn Ariston, als er die Halle vor dem königlichen Bankettsaal betrat. Ihr Verhältnis war seit dem Vorfall im Tmolos leicht getrübt, doch Krates war nicht nachtragend und so beschloss er sich mit Ariston noch am heutigen Abend wieder vollständig zu versöhnen.
»Grüß dich, Ariston. Darf ich dich gleich mal etwas fragen?«
»Du meinst, ohne dass es die anderen mitbekommen?«
Krates nickte ernst. »Du bist doch in diesen Dingen sehr erfahren. Deshalb würde ich gerne von dir wissen, wie viel Chancen du uns in Rom überhaupt einräumst.«

Ariston schmunzelte und wog den Kopf hin und her. »Halb und halb, würde ich sagen. Wenn uns der Erfolg sicher wäre, könnten wir uns den langen Weg nach Rom sparen. Wäre die Expedition dagegen sinnlos, würde Eumenes sein Geld sicher sinnvoller investieren. Ich denke, wir müssen kämpfen, aber wir haben eine reelle Chance. Reicht dir das als Antwort?«
»Damit bin ich zwar keinen Schritt weiter«, lachte Krates, »aber sie reicht mir. Und noch etwas: Was damals im Tmolos passiert ist, ist passiert.«
»Acta est fabula«, erwiderte Ariston und schmunzelte verlegen.
»Wie bitte?«
»Das war römisch und hieß so viel wie ›passiert ist passiert‹. Aber ich danke dir, dass du mir meinen Ausrutscher verziehen hast. Er war dumm und unnötig und vor allem auch deiner unwürdig. Ich weiß nicht, was mich damals geritten hat.«
»Dann können wir das ja endlich vergessen.«
»Ja, lass es uns vergessen.«

»Grüßt euch«, rief ihnen Konon zu.
»Konon!« begeisterte sich Krates. »Du bist also auch wieder dabei? Wie schön für uns.«
»Natürlich«, lächelte der Hauptmann. »Und meine Jungs werden uns ebenfalls wieder begleiten.«
»Ist denn der König noch nicht da?«
»Nein«, erwiderte Attalos, »aber er müsste jeden Moment kommen. Darf ich euch in der Zwischenzeit mit Xenophon und Artemidoros bekannt machen? Xenophon wird sich um die Organisation kümmern, wobei er ein hervorragender Pferdekenner ist. Artemidoros dagegen wird uns als Dolmetscher dienen.«
»Guten Abend allerseits«, rief der alte Stratios in die Runde, der soeben den Bankettsaal betrat.
Krates begrüßte den Arzt und erkundigte sich nach Philopatros.
»Oh, meinem Sohn geht’s prächtig und er lässt dich herzlich grüßen.«
»Begleitest du uns als Arzt oder als Gesandter?«
»Sowohl als auch«, mischte sich Attalos ein, der dem alten Mann freundschaftlich die Hand auf die Schulter legte, »und ich freue mich, dass du uns begleitest.«

Der König erschien und hieß sie alle willkommen. Dann legten sie sich zu Tisch und ließen sich Wein einschenken, während ein paar Flötenspieler das Essen begleiteten und selbst zum Nachtisch noch einige Zugaben spielten. Dann beendeten sie das Gastmahl, denn sie wollten am nächsten Tag noch vor Sonnenaufgang starten. Eumenes brachte eine Trankspende und betete mit seinen Gesandten für den Erfolg ihrer Mission.
Krates kehrte in sein Haus zurück und sattelte schon einmal sein Pferd. Die Säcke seines Gepäcks stellte er in die Vorhalle neben dem Stall und begab sich früh zu Bett, um wenigstens ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Glücklicherweise hatte ihm Hippias bei seinem Auszug die Wasseruhr gelassen, die er nun auf acht Stunden einstellte und neben seinem Bett aufstellte. Das sanfte Plätschern des Wassers hatte eine beruhigende Wirkung und wog ihn langsam in den Schlaf.

Als er vom schrillen Pfeifton der Wasseruhr geweckt wurde, war es noch mitten in der Nacht. Er stand auf, machte sein Bett und ging in den Hof. Die Nacht war warm und die Sterne funkelten hell und klar, doch am östlichen Horizont begann es bereits zu dämmern. Er musste sich beeilen, um nicht zu spät zu kommen. Rasch wusch er sich und fütterte Pluto. Dann zwang er sich ein halbes Brot in den Magen, belud gleichzeitig sein Pferd und verließ das Haus. Die Philetaireia war um diese Tageszeit noch menschenleer, auch wenn er hier und dort einen Fensterladen klappen hörte und aus den Backstuben den anregenden Duft der frischen Brote roch. Unterwegs begegnete er Ariston und Artemidoros, die um keinen Deut ausgeschlafener wirkten. Sie begrüßten sich leise und ritten schweigend in die Unterstadt.

Am Eumenischen Tor angelangt, trafen sie auf die restlichen Delegationsmitglieder. Sie begrüßten einander und machten sich auf den Weg in die Ebene. Mit dumpfem Hufschlag preschten die zwölf Reiter über die matt erleuchtete Straße und die Wolke des aufgewirbelten Staubes glitt noch weit hinter ihnen über die Ebene. Attalos führte sie direkt nach Elaia, dem Hafen von Pergamon, in dem die königliche Flotte stationiert war und sie Theodoros kurz nach Sonnenaufgang militärisch begrüßte.

Einer der Wachsoldaten nahm sich ihrer Pferde und jener Dinge an, die sie zurücklassen wollten. Dann kletterten sie auf eine der großen Trieren, verstauten ihr Gepäck an Bord und stachen kurz darauf in See. Der Wind war noch schwach, weswegen sich das Schiff nur durch den gleichmäßigen Ruderschlag der pergamenischen Matrosen fortbewegte. Doch es war schnittig gebaut und so glitten sie lautlos von der äolischen Küste zwischen den wuchtigen Bergen von Lesbos und der Smyrneischen Halbinsel in Richtung Chios. Als sich die Sonne langsam hinter der Küste erhob und die See in rosafarbene Töne tauchte, fühlte Krates jenes Freiheitsgefühl in sich aufsteigen, das ihm schon von seiner langen Reise nach Pergamon vertraut war und freute sich zum ersten Mal über die Gelegenheit wieder unterwegs zu sein. Mit der Zeit frischte auch der Wind etwas auf, so dass die Matrosen das Segel setzen konnten, das sie bis in die frühen Abendstunden stetig und ohne nennenswerte Zwischenfälle bis nach Chios zog. Die Triere ging in einer geschützten Bucht vor Anker und die erschöpften Matrosen machten sich an die Zubereitung des Abendessens.
Am folgenden Morgen wachte Krates erst auf, als das Schiff längst wieder in Bewegung war. Verschlafen blinzelte er auf das vor ihm liegende Deck und erblickte Attalos, der mit Artemidoros an der Reling stand und sich offenbar über ihn lustig machte. Das Schiff schlingerte durch die aufgewühlte See und Krates vernahm das gleichmäßige Murren der an den Riemen sitzenden Matrosen, die ganz offensichtlich Mühe hatten die Triere vom Fleck zu bewegen.

Krates schob die Felle beiseite, unter denen er geschlafen hatte und bewegte sich schwankend an Deck. Über dem Heck sah er die weit entfernten Umrisse von Chios, vor dem Schiff dagegen nichts als die raue und aufgewühlte See. Der Himmel war leicht bedeckt und es blies ein kräftiger Ostwind, der sich offenbar nicht dazu eignete, das Segel zur Hilfe zu nehmen.
»Morgen, Krates«, lachte Attalos. »Na? Ausgeschlafen?«
»Das habe ich«, antwortete Krates und wunderte sich, dass ihm das starke Schlingern des Bootes nicht das Geringste ausmachte. »Ganz schöner Wind heute!« rief er den anderen zu.

Ariston zeigte auf die Kiste am Rande ihrer behelfsmäßigen Kajüte und deutete an, dass sich dort etwas zu Essen befände. Krates fragte nicht lange, sondern schaute nach. Das Brot und der Ziegenkäse kamen ihm sehr gelegen, denn er hatte mächtigen Hunger. Er war noch mit seinem Frühstück beschäftigt, als er sah, wie sich Artemidoros über die Reling hängte und erbrach. Auch Xenophon schien mit dem Seegang nicht so recht klar zu kommen und legte sich wieder auf sein Fell.
»Was haben sie denn?« fragte Krates immer noch kauend, während er sich zu Ariston und Konon gesellte.
»Sie sind’s eben nicht gewöhnt«, meinte der Hauptmann.
»Landratten!« grinste Krates, der auf einmal Lust verspürte, sich zu seiner Heimat- und Hafenstadt Mallos zu bekennen.
»Das ist hier die einzige gefährliche Stelle«, rief ihm Attalos zu, der einige Schritte von ihm entfernt stand. »Ab morgen früh haben wir den Wind von achtern.«

»Werden es die Ruderer schaffen?«
»Sicher. Die haben schon Schlimmeres überstanden.«
Gegen Mittag hatte der Wind noch immer nicht nachgelassen und die See wurde zunehmend rauer. Der Kapitän beriet sich mit Attalos und entschied sich schließlich zu einer Kursänderung. Anstatt, wie ursprünglich geplant, die Insel Ikaria anzusteuern, hielten sie nun direkten Kurs auf Delos. Das war zwar weiter, doch dafür konnten sie ihr Segel einsetzen und würden somit, wenn sie spätabends oder gar nachts den Hafen von Delos erreichten, einen ganzen Tag einsparen.

Die Matrosen setzten das Segel, das sich prompt aufblähte und das Schiff mit einem gewaltigen Ruck nach vorne zog. Sie hatten den auffrischenden Wind nun von schräg achtern und schossen wie ein Pfeil durch die See. Der Steuermann schrie bald nach Verstärkung und die Rudermannschaften zogen die Riemen ein, weil das Schiff schneller geworden war, als sie die Holzblätter durchziehen konnten. Fasziniert standen Krates und Attalos am Bugspriet und genossen das wilde Tempo, mit dem sie durch die Wellen pflügten. Sie schrien vor Vergnügen und klopften sich immer wieder lachend auf die Schultern. Am späten Nachmittag konnten sie bereits die geschlossene Front der Kykladen erkennen und so verflogen die Stunden, bis sie sogar noch vor Sonnenuntergang den Heiligen Hafen von Delos erreichten.

Der Wind, der in der geschützten Hafenbucht von Delos kaum zu spüren war, hatte über Nacht nicht nachgelassen und so jagten sie auch an ihrem dritten Tag wieder über die raue See, den Wind im Rücken und die Gischt im Gesicht. Im Laufe des Nachmittages jedoch ließ der Wind zunehmend nach und so wurde das Schiff schließlich so langsam, dass es doch bis in den Abend dauerte, bis sie die Insel Keos erreichten. Um die Hafengebühren zu sparen, ankerten sie in einer geschützten Bucht und ließen den Abend in Ruhe ausklingen.
Am vierten Tag drehte der Wind auf Südost. Die Matrosen hissten das Segel und pfiffen vor Vergnügen, denn jeder günstige Wind ersparte ihnen das Rudern.

»Wenn das so weitergeht«, scherzte Artemidoros, »könnten wir es ja noch heute bis zum Piraios schaffen.«
»Warum nicht?« nickte Attalos ernst und winkte dem Kapitän, um ihn zu fragen, für wie realistisch er diesen Plan hielt. Der Schiffsführer hielt sich zunächst bedeckt, doch als sie gegen Mittag das Kap von Sunion passiert hatten und am linken Horizont schon die Gestade von Ägina erkannten, hatte er sich entschlossen und ließ direkt auf den Hafen von Athen zusteuern.
»Wieder einen halben Tag gespart«, freute sich Attalos und rieb sich vergnügt die Hände.
»Was passiert eigentlich mit dem Schiff, während wir weiterreisen?« fragte Krates interessiert.
»Oh«, antwortete Konon, »das legt sich ganz friedlich in den Hafen von Ägina und wartet einfach, bis wir wieder da sind.«
»Aber ist das nicht wahnsinnig teuer?«
»Nicht, wenn einem der Hafen gehört.«
»Die Insel dort gehört zu Pergamon?« fragte Krates ungläubig.
Die Männer lachten amüsiert über Krates’ Unwissenheit.
»Es sieht nach mehr aus, als es ist«, erklärte ihm Attalos. »Außer einem hübschen Tempel und ein paar langweiligen Bewohnern hat die Insel nichts zu bieten, was ihren Besitz sonderlich reizvoll macht. Daher nutzen wir sie nur als kostengünstigen Hafen für die Schiffe, die unsere Delegationen von Elaia nach Hellas übersetzen.«

Während die Sonne langsam hinter den Bergen des Festlands verschwand und die nördlichen Ausläufer von Ägina links an ihnen vorbeizogen, kamen die mächtigen Hafenanlagen des Piraios immer näher. Als sie das Schiff schließlich spät abends an der Mole vertäut hatten, beglückwünschte sie Attalos zu ihrer gesunden Ankunft und lud seine Gesandtschaft und die Schiffsbesatzung zu einem opulenten Mahl ein, bei dem er weder am Essen noch am Wein sparte. Doch die ausgelassene Stimmung der Matrosen wurde immer lauter und vulgärer und so verließen sie die Taverne, um sich hinzulegen und den morgigen Tag ebenso früh wie ausgeruht beginnen zu können.

Krates hatte nur wenige Stunden geschlafen, denn das Angebot, das ihm Attalos am Vorabend gemacht hatte, versetzte ihn in freudige Erregung. Sie würden nach Athen ziehen und sich dort einquartieren. Und während sich Xenophon um den Kauf ihrer Pferde kümmerte, sollte Krates die Gelegenheit erhalten die berühmte Stoa von Athen zu besuchen. Er könne sich dort mit den Gelehrten treffen und vielleicht die eine oder andere Verbindung knüpfen, die ihm für seine Arbeit in der Bibliothek von Nutzen sei. Beim Zeus, er würde dem Geist Zenons begegnen! Wenn er doch nur Myron hiervon berichten könnte. Sein alter Lehrer wäre begeistert gewesen.

Kurz nach Sonnenaufgang machten sie sich endlich auf den Weg. Xenophon hatte ein paar Träger organisiert, die sich ihres Gepäcks annahmen und so marschierten sie durch die noch leeren Straßen des Piraios, an Lagerhallen und Fischmärkten vorbei nach Athen, dessen gewaltige Akropolis hoch und allgegenwärtig über dem Horizont thronte. Nach einer knappen Stunde erreichten sie das wuchtige Doppeltor der athenischen Stadtmauern, vor dem sich die Straßen aus Piraios und Eleusis trafen und gemeinsam in die Stadt führten. Attalos stellte sich mit Konon dem wachhabenden Offizier der Stadtbefestigungen vor und wurde von einem Hauptmann zum Marktplatz geleitet, wo sie ein Ratsherr willkommen hieß.

Der Markt von Athen war ein großer freier Platz, der schon Generationen von Stadtplanern und Architekten miterlebt haben musste, ohne in sich jene geschlossene Wirkung angenommen zu haben, die Krates von anderen Marktplätzen in Kilikien oder Pergamon kannte.
»Dahinten«, schwärmte ihm Attalos vor und zog seine kräftigen Arme gebieterisch auseinander.
»Was ist dahinten?«
»Wenn ich König von Pergamon wäre, würde ich dahinten eine Halle erbauen lassen. Groß müsste sie sein, mit zwei oder drei Stockwerken, genügend Platz für zahlreiche Läden oder Behörden und mit ausreichend Schatten.«
»Und natürlich mit zwei Triglyphen über den Säulenjochen«, lachte Krates.
Attalos blickte ihn verblüfft an und musste mit lachen. »Selbstverständlich«, grinste er. »Aber ich bin kein König und Eumenes konnte ich von diesem Plan noch nicht begeistern.«
»Vielleicht kommt das noch.«
»Ja, vielleicht.«

Der Beamte sorgte für ihre Unterbringung in einer der nobleren Herbergen am Fuße des Kolonos Agoraios, jenem Hügel, der den Marktplatz im Westen begrenzte, und wünschte ihnen einen guten Aufenthalt. Während sich die übrigen Delegationsmitglieder auf die Akropolis begaben, um den Feiern der Panathenäen beizuwohnen, wandten sich Xenophon und Krates wieder auf die Agora, der eine, um nach guten Pferden zu schauen, der andere, um die Stoa Poikile zu finden, in der er auf seinesgleichen zu treffen hoffte. Krates’ Herz pochte wie wild, als er die Bronzestatue des Solon passierte und auf den Haupteingang zusteuerte. Dass eine Halle, die man ›die Bunte‹ nannte, von irgendwelchen Malereien bedeckt sein müsse, war ihm klar gewesen, doch die Qualität der kunstvollen Wandgemälde versetzte ihn in ehrfürchtiges Staunen. Gebannt starrte er auf die Schlachtenszenen, in denen die Athener nacheinander gegen die Spartaner, die Amazonen, die Trojaner und die Perser kämpften und dabei jeweils die tatkräftige Unterstützung ihrer Götter und Heroen erhielten.

»Guten Tag, mein Freund«, begrüßte ihn ein älterer Herr. »Wie schön, dass du die Kunst liebst. Aber vielleicht interessierst du dich ja auch für den Geist?«
»Mein Name ist Krates«, stellte er sich vor, »der Sohn des Timokrates aus Mallos. Ich leite seit einem Jahr die Bibliothek meines Königs Eumenes von Pergamon und bin gekommen, um eure Stoa kennenzulernen.«
»Und?« lächelte der Alte schon sehr viel freundlicher. »Wie gefällt sie dir?«
»Ganz gut«, nickte Krates ergeben und fügte hinzu: »Soweit ich das von hier draußen beurteilen kann.«
»Mein Name ist Diogenes«, erwiderte der Alte ruhig und erfasste Krates’ Hände zum Gruß. »Sie nennen mich zwar für gewöhnlich Diogenes von Babylon, aber das ist nicht richtig, denn eigentlich stamme ich aus Seleukia am Tigris. Doch was soll’s? Komm rein, Krates, dann kann ich dir die Schule, die ich seit dem Tode meines Lehrers Chrysippos leite, auch von innen zeigen.«
Krates blieb fast das Herz stehen. »Du bist ein Schüler des Chrysippos?«

Diogenes hob verwundert seine buschigen Augenbrauen. »Aber ja! Er war ein phantastischer Lehrer. Und er hat mit Zenon all das hier aufgebaut.«
Sie schlenderten durch die Eingangshalle in den zentralen Hof, um den sich weitere Hallen, Seminarräume und die Bibliothek gruppierten. Diogenes zeigte ihm die Räumlichkeiten und erzählte von Chrysippos und Athen, von seinen Studenten und Kollegen.
»Es ist jammerschade, dass ich dich nicht Panaitios vorstellen kann. Er kam einst aus Rhodos zu uns und zählte zu den besten Schülern, die ich je unterrichtet habe. Leider musste er in seine Heimat zurück, um dort irgendein Priesteramt zu übernehmen.« Diogenes verzog die Mundwinkel und rollte mit den Augen. »Er kommt aus einer sehr reichen und einflussreichen Familie, doch offensichtlich können sich auch diese Leute nicht über alles hinwegsetzen. Nun ja, vielleicht lauft ihr euch eines Tages doch noch über den Weg. Es würde mich freuen.«

»Wie kommt es, dass hier niemand ist? Da war ja selbst in Tarsos, wo ich studiert habe, noch mehr Betrieb.«
»Die großen Panathenäen«, seufzte Diogenes. »Es ist jedes Jahr das gleiche. Während der Festtage könnte man meinen, der Geist der Stoa wäre ausgestorben. Dabei geht es in der Philosophie ums Wissen und nicht ums Glauben. Aber das werden unsere Schüler wohl nie verstehen.«
Krates lachte und nickte dem alten Mann anerkennend zu. »Wie schade«, schloss er. »Du scheinst hier der einzige zu sein, auch wenn ich mich über deine Bekanntschaft natürlich sehr freue.«
»Jetzt bist du enttäuscht, nicht wahr? Du bist gekommen in der Hoffnung, hier auf Gleichgesinnte zu treffen und mit uns zu philosophieren, Gedanken und Ideen auszutauschen und diesen Austausch in vielen Briefen fortzusetzen.«
»Ein bisschen schon«, gab Krates zu.
»Ja, mein Freund«, seufzte Diogenes, »das kann ich verstehen. Aber glaub mir, man kommt darüber hinweg. Die Stoa von Athen ist längst nicht mehr das, was sie einmal war. Und ich gebe ganz offen zu, dass ich auch nicht mehr die Kraft habe, um daran noch grundlegend etwas zu ändern.«

Der alte Mann lachte heiser und begleitete Krates zum Ausgang. »Hättest du nicht schon einen so verantwortungsvollen und spannenden Posten wie den in Pergamon, würde ich dir einen Lehrstuhl an unserer Schule anbieten. Nun gut, es hat mich gefreut, deine Bekanntschaft zu machen.«
»Würdest du mir antworten, wenn ich dir schreibe?«
»Aber sicher!« erwiderte Diogenes ruhig und schaute ihm dabei fest in die Augen. »Schreib mir ruhig, wenn du magst. Und ich werde mir meine jungen Kollegen persönlich vornehmen, damit auch sie dir ihre Gedanken dazu darlegen.«
»Also dann«, verabschiedete sich Krates höflich.
»Leb wohl«, sagte Diogenes.
Krates erwiderte seine Umarmung und ging zurück auf die Agora. Wider Erwarten begann er zu weinen, ohne zu wissen, warum. Vielleicht war es Diogenes’ Art, die ihn so sehr an die seines Lehrers Myron erinnerte, vielleicht auch die Traurigkeit des alten Mannes oder seine Enttäuschung über die Tatsache, keinen seiner erhofften Kollegen angetroffen zu haben. So jedenfalls hatte er sich seinen Besuch in der Stoa von Athen nicht vorgestellt.

Auf der gegenüberliegenden Seite erkannte er Xenophon, der sich offensichtlich mit einem Pferdehändler einig geworden war und nun per Handschlag den Kauf besiegelte. Als er Krates sah, winkte er ihm stolz zu und deutete an, dass er ihm helfen möge. Krates wischte sich die Tränen aus den Augen und lief zu Xenophon, um die zwölf Pferde in die Herberge zu führen.
»Herrliche Tiere!« schwärmte Xenophon und klopfte einem der Hengste aufmunternd auf das Hinterteil. »Und gar nicht so teuer, wie ich dachte. Aber dein Termin scheint nicht so erfolgreich gewesen zu sein. Was ist denn los?«
»Ach, ich weiß nicht«, tat Krates die Frage ab. »Vielleicht habe ich zu viel erwartet oder mir falsche Hoffnungen gemacht. Die Stoa war leer, weil die Lehrer und Studenten alle bei den Panathenäen sind. Ich traf nur auf den Vorsteher, der aber schon so alt und frustriert war, dass unsere Unterhaltung keinen sonderlichen Genuss darstellte.«
»Das tut mir leid«, sagte Xenophon mitfühlend.

Sie führten die Pferde in den Herbergsstall und überließen es den Stalljungen, sie mit frischem Hafer und Streu zu versorgen. Während Xenophon beschloss, ihre Gefährten auf der Akropolis zu suchen, legte sich Krates erschöpft in sein Zimmer. Da ihn keiner weckte, verschlief er das Abendessen und wachte erst wieder auf, als es am Horizont bereits dämmerte.
Der anbrechende Morgen begann mit Sonnenschein und Krates hatte es auf einmal sehr eilig, die Großstadt endlich wieder zu verlassen. Diogenes von Seleukia und Panaitios von Rhodos waren die einzigen Namen, die er sich notiert hatte, um sie während der langen Reise nicht zu vergessen. Alles andere jedoch konnte ihm getrost gestohlen bleiben. Den anderen Delegationsmitgliedern schien es ähnlich zu gehen und Attalos mahnte zu einem baldigen Aufbruch.

Da sich die Straße in einem guten Zustand befand und zu dieser Tageszeit noch wie leergefegt war, kamen sie zügig voran und konnten ihre Mittagsrast bereits jenseits von Eleusis einlegen.
»Und wie geht es von hier aus weiter?« fragte Krates.
»Ganz einfach«, erwiderte Attalos. »Über die Berge rüber und an Plataiai vorbei bis nach Leuktra. Dort werden wir übernachten, bevor wir dann morgen in den Parnassos bis nach Delphoi reiten.«
Sie packten ihren Proviant zusammen und saßen wieder auf. Die Straße durch die Berge war immer noch breit und mittlerweile auch viel befahren. Am späten Nachmittag sahen sie unter den dichten Pinienwäldern die Dächer von Plataiai und konnten am Horizont auch schon die Stadtmauern von Leuktra erahnen.

In den nächsten sechs Tagen legten sie eine beachtliche Strecke zurück: Sie durchquerten das Parnassosgebirge bis nach Delphoi und ritten anschließend wieder ans Meer hinunter. Von dem kleinen Fischereihafen Naupaktos folgten sie der Küstenlinie bis nach Patrai und von dort das weite Flusstal des Achelochos stromaufwärts bis in das Gebirgsstädtchen Stratos. Die unwegsamen Berge wichen bald einer weiten Hochebene, die sie bis zum Meerbusen von Aktion führte, von wo aus sie wieder in die Berge ritten, um schließlich in den kleinen Ort Dodona zu gelangen, einem hauptsächlich von Priestern und Devotionalienhändlern bewohnten Orakelheiligtum des Göttervaters Zeus.

Ergriffen saßen sie am Abend ihrer Ankunft auf der Umfassungsmauer des Heiligtums und lauschten dem wundersamen Klingen der unzähligen Metallplättchen, die in den Bäumen nahe dem Tempel aufgehängt waren und nun im leichten Abendwind gegeneinander schlugen.
»Was für eine seltsame Idee«, kommentierte Krates das sanfte Klingeln. »Wozu soll das gut sein?«
»Göttliche Inspiration«, erklärte ihm Ariston, der in gespielter Andacht die Augen schloss, seine Hände an die Ohren hielt und den Kopf hin und her wog. »Die Priester lassen sich von diesem Klingeln inspirieren und deuten es für ihre Orakelsprüche in die eine oder andere Richtung.«
»Schnickschnack!« blaffte Stratios. »Nichts als fauler Zauber!«
»Na, du scheinst davon ja nicht viel zu halten.«

»Warum sollte ich? Sage mir nur, was du hörst, Krates: Klingende Metallplättchen oder die donnernde Stimme des Göttervaters?«
»Ich habe Zeus noch nie reden hören, daher weiß ich nicht, in welcher Stimmlage er sonst zu sprechen pflegt. Doch warum sollte man sich von diesem Klingen nicht inspirieren lassen können?«
»Weil es da nichts zu inspirieren gibt. Orakelsprüche sind Märchen und in den meisten Fällen ein so kostspieliger wie gefährlicher Unsinn, den sich nur Wankelmütige leisten. Was könnte mir dieses Klingeln schon über deine Zukunft verraten? Der einzige, der darüber wirklich eine Aussage treffen kann, bist du selbst.«
»Dann bist du also der Meinung, dass mir die Kraft der Götter nicht helfen kann?«
»Das habe ich nicht gesagt. Ich behaupte nur, dass die Kommunikation zwischen Göttern und Menschen, wenn überhaupt, dann ausschließlich auf direktem Wege laufen kann, nicht aber über einen Dritten. Und gerade, wenn es um wichtige Entscheidungen geht, solltest du immer auf deinen Verstand setzen, notfalls, wenn du mit diesem nicht weiterkommst, auch auf dein Herz. Aber niemals auf die Weisung eines wodurch auch immer inspirierten Priesters.«

Stratios’ Ansichten im Kopf, über die sie an jenem Abend noch lange gestritten hatten, folgte Krates seiner Gesandtschaft nach Phoinike und von Phoinike weiter bis nach Amantia. Am vierzehnten Tag ihrer bisherigen Reise gelangten sie endlich in das kleine Städtchen Apollonia, von dessen Hafen sie zum italischen Festland übersetzen wollten. Krates war froh, als er hörte, dass sie einen Tag bräuchten, um ihre Pferde zu verkaufen und eine Passage nach Brundisium zu erstehen. Die tagelangen Ritte hatten ihm die Beine zerschunden und auch die Vorstellung endlich wieder einmal ausschlafen zu können hatte ihre unverkennbaren Reize.
»Meine Güte«, murmelte er müde und zog sich den Mantel enger um den Hals, denn es war hier schon merklich kühler. »Ich glaube, so weit bin ich noch nie von zu Hause fort gewesen.«
»Stimmt«, pflichtete ihm Ariston bei. »Es ist ein weiter Weg.«
Schweigend saßen sie auf ihren Pferden und blickten erschöpft auf den Hafen und das hinter ihm liegende Ionische Meer.
»Warst du schon mal in Rom?« fragte Krates nach einer Weile.
»Nein. Aber ich bin sehr gespannt, was uns dort erwartet.«

Am folgenden Tag konnten sie nach Herzenslust ausschlafen. Gegen Mittag begab sich Xenophon mit den zwölf Pferden zur Agora und kehrte schon nach wenigen Stunden mit einem prall gefüllten Geldsack zurück.
»Hier«, grinste er Attalos zu. »Ich hatte sie für sechstausend erstanden und für siebentausend wieder verkauft.«
»Sehr gut«, lobte ihn Attalos. »Und was ist mit unserer Überfahrt nach Brundisium?«
»Ich habe ein Schiff gefunden, das morgen Mittag in See sticht. Es wird anderthalb Tage brauchen, so dass wir dann übermorgen Abend in Brundisium sind.«
»Hört sich gut an. Aber was machen wir bis dahin?«
»Wie wär’s mit einem Strandtag?« schlug Krates vor.
»Sehr gute Idee«, befand Attalos. »Lasst uns baden gehen. Wir können uns ja zuvor noch auf dem Markt etwas Brot und Käse und eine Amphore Wein für den Abend kaufen«.
So zogen sie an den Strand vor Apollonia und genossen ihren freien Tag. Am Abend zündeten sie sich ein Lagerfeuer an, prosteten sich und dem klaren Sternenhimmel zu und diskutierten bis spät in die Nacht.

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