
Der Entschluss
Der Pinienwald lag dicht an der Villa, so nah, dass man von den unteren Terrassen den Duft des Harzes riechen konnte, wenn die Sonne hoch stand. Die Stämme waren gerade gewachsen, hoch, mit Kronen, die das Licht filterten, ohne es ganz zu nehmen. Der Boden war weich von Nadeln, und selbst wenn der Wind vom See heraufkam, blieb es hier still.
Vadomar kniete zwischen den anderen Männern und stützte die Hände auf die Erde. Die Lasten lagen abgesetzt vor ihnen, sauber aufgeschichtet. Bündel aus frisch geschlagenem Holz, noch schwer vom Saft, den die Römer so schätzten, weil er beim Trocknen langsam wich und das Holz fest machte.
Die Pause war kurz. Sie war immer kurz.
Vadomar atmete durch den Mund. Seine Brust hob und senkte sich gleichmäßig, aber tief. Er spürte den Druck in den Schultern, das Ziehen im unteren Rücken. Nicht neu. Nur deutlicher als früher.
Er hob den Kopf ein wenig, gerade so weit, dass er zwischen den Stämmen hindurch den See sehen konnte.
Von hier oben wirkte er ruhig. Eine breite Fläche, graublau, unbewegt. Die Insel lag wie ein Vorsprung darin, fest, unerschütterlich. Boote zogen langsam ihre Linien, und Vadomar wusste, wie trügerisch diese Ruhe war. Er hatte gesehen, wie sich das Wasser verändern konnte, wie Strömungen sich verschoben, ohne dass man es von oben erkannte.
Ein Mann neben ihm fluchte leise, als er versuchte, seine Finger zu strecken. Die Gelenke wollten nicht mehr. Vadomar sah hin, ohne den Kopf ganz zu drehen. Der Mann war noch jung, jünger als er selbst, aber sein Blick war stumpf. Seit Tagen arbeitete er mit Fieber.
Vadomar wusste, was das bedeutete.
In den Kellerräumen unter der Seeterrasse war es feucht. Selbst im Sommer kroch die Kälte in den Stein. Vierzig Männer schliefen dort, dicht an dicht, in Räumen ohne Fenster. Der Geruch ließ sich nicht mehr auswaschen. Krankheit ging von Bett zu Bett wie etwas Lebendiges.
Wer nicht mehr arbeiten konnte, blieb nicht.
Niemand sprach darüber. Aber jeder wusste es.
Vadomar schloss für einen Moment die Augen. Nicht aus Müdigkeit, sondern um den Lärm auszublenden. Das Atmen der anderen. Das leise Knacken des Holzes. Das ferne Geräusch von Stimmen aus der Villa.
Er dachte nicht an seine Heimat. Noch nicht.
Zuerst dachte er an Zahlen.
Wie oft er diesen Weg schon gegangen war.
Wie viele Bäume er gefällt hatte.
Wie viele Männer in den letzten Monaten verschwunden waren.
Er war stark. Das wusste er. Sein Körper hatte ihn bis jetzt getragen. Aber er hatte gelernt, die Zeichen zu lesen, so wie man im Wald erkannte, welcher Baum krank war, lange bevor er fiel.
Sein eigener Körper begann, solche Zeichen zu zeigen.
Ein Ruf durchschnitt die Stille. Kurz, scharf. Der Aufseher.
Die Pause war vorbei.
Vadomar beugte sich vor, griff nach seinem Bündel und zog es an sich heran. Das Gewicht setzte sich auf seine Schultern wie ein vertrauter Griff. Er richtete sich auf, langsam, bedacht. Für einen Augenblick schwankte er, dann fand er den Stand wieder.
Als er sich umdrehte, blieb sein Blick noch einmal am See hängen.
Er folgte der Linie des Ufers nach Westen. Dorthin, wo das Land anstieg. Wo Hügel zu Bergen wurden. Er kannte diese Formen. Er hatte als Kind gelernt, sich an ihnen zu orientieren, Wege zu finden, die nicht sichtbar waren.
Der Gedanke kam nicht plötzlich. Er war nicht laut. Er drängte sich nicht auf.
Er war einfach da.
Hier werde ich sterben, dachte Vadomar.
Nicht heute. Nicht morgen. Aber hier.
Und fast gleichzeitig, ruhig, klar:
Oder ich gehe.
Er nahm das Holz auf und ging mit den anderen zurück zur Villa.
Seine Schritte unterschieden sich nicht von ihren.
Sein Blick war gesenkt.
Aber etwas hatte sich gelöst.
Nicht außen.
In ihm.
Unter der Seeterrasse
Der Weg zurück führte nicht nach unten, sondern zuerst hinauf.
Vadomar ging mit den anderen durch den schmalen Durchlass zwischen Gartenmauer und Fels, dorthin, wo das mittlere Niveau begann. Hier war der Boden fest, geglättet vom Gehen. Holz lag gestapelt an den Wänden, in Längen sortiert, mit Kerben markiert. Es roch nach Harz, Rauch und gekochtem Getreide.
Dies war der Ort der Arbeit.
Männer kamen und gingen. Einer trug Wasser. Ein anderer schob einen Karren. Stimmen hallten kurz, dann verschwanden sie wieder in den Gängen. Die Luft bewegte sich hier, trug Geräusche weiter, vermischte sie.
Vadomar kannte diesen Ort besser als jeden anderen.
Er wusste, welche Treppe zu welcher Stunde frei war. Wo das Licht der Fackeln den Boden nicht ganz erreichte. Wo ein Mann stehen konnte, ohne gesehen zu werden, wenn jemand von der Kryptoportikus herabkam.
Von hier führten die Treppen weiter.
Nach oben – zu den Terrassen, zu den offenen Räumen, zum Blick auf den See.
Oder nach unten.
Der Abgang unter die Seeterrasse war schmaler, steiler. Die Stufen waren ausgetreten, der Stein dunkler. Schon nach wenigen Schritten veränderte sich die Luft. Sie wurde kühler, schwerer. Geräusche starben ab, als hätten sie keine Kraft mehr, hier mitzuhalten.
Unten begann die Stille.
Die Kammern lagen hintereinander, hoch aufragend, mit dicken Wänden, die das Licht schluckten. Fackeln steckten in Wandhaltern, ihr Schein reichte kaum bis zur gegenüberliegenden Seite. Das Gewölbe über ihnen verlor sich im Dunkel.
Hier hörte man nichts von oben.
Keinen Schritt.
Keine Stimme.
Nicht einmal den See.
Vadomar legte sich auf sein Lager. Holzrahmen, Stroh, eine Decke, die mehr wog als sie wärmte. Um ihn herum atmeten die anderen. Manche laut. Manche kaum.
Er schloss die Augen.
Und lauschte nicht nach draußen, sondern nach innen.
Er lauschte auf den eigenen Atem. Auf das Ziehen im Rücken. Auf den Schmerz, der blieb, auch wenn man still lag. Er dachte an den Weg vom Wald hierher. An jede Stufe. An jede Wendung.
Er dachte an die Treppe im Nordgewölbe.
An den Übergang vom Mittelgang in die Gärten.
An die Stelle, an der das Licht am Abend länger blieb.
Am nächsten Morgen war der Platz neben ihm leer.
Der Mann mit dem Fieber war nicht zurückgekommen.
Am Abend lag ein anderer dort.
Vadomar drehte sich zur Wand.
In den Nächten danach begann er, die Zeit anders zu zählen. Nicht in Schlaf, sondern in Dunkelheit. Er merkte, wie lange die Fackeln brannten. Wann sie erneuert wurden. Wann die Luft am kühlsten war.
Und er begann, den Weg im Kopf zu gehen.
Vom Lager zur Treppe.
Von der Treppe zum Mittelgang.
Vom Mittelgang hinaus in den Garten.
Vom Garten zum Wald.
Und von dort – weiter.
Der See war nicht mehr fern.
Er war da.
Unter dem Stein.
Hinter der Dunkelheit.
Und Vadomar wusste:
Wenn er ging, dann würde er hier beginnen.
Die Störung
Es begann nicht mit einem Fehler.
Nicht mit einem Schrei, nicht mit einem falschen Schritt, nicht mit Blut.
Es begann mit einer Verzögerung.
Am Morgen, als Vadomar mit den anderen im Mittelgang stand und auf die Zuteilung wartete, blieb der Aufseher einen Moment länger bei den Holzstapeln stehen. Er legte die Hand auf einen der Stämme, drückte mit dem Daumen ins Harz, als prüfe er etwas. Dann rief er einen Namen.
Nicht Vadomars.
Ein älterer Mann trat vor. Schmal, die Schultern eingefallen. Er hatte lange hier gearbeitet, länger als die meisten. Er wusste, wie man Holz trocknete, ohne dass es riss. Wie man es stapelte, damit Luft hindurchging.
Der Aufseher sagte etwas, das Vadomar nicht verstand. Die Stimme war ruhig, fast beiläufig. Dann zeigte er auf den Nordabgang.
Der Mann verschwand.
Vadomar sah ihm nach, bis er aus dem Blickfeld war. Etwas daran war falsch. Nicht der Weg – der war vertraut –, sondern der Zeitpunkt. Der Mann wurde sonst nicht allein geschickt. Nie ohne Last.
Die Arbeit ging weiter.
Vadomar trug, schnitt, stapelte. Seine Hände bewegten sich wie immer. Aber in ihm hatte sich etwas verschoben. Er begann, auf andere Dinge zu achten.
Am Abend war der Mann nicht zurück.
Sein Platz in der Kammer blieb leer. Die Fackel brannte kürzer als sonst. Niemand sprach.
Am nächsten Tag standen zwei Aufseher im Mittelgang.
Das kam selten vor.
Sie sprachen leise miteinander, zeigten auf den Abgang unter die Seeterrasse, dann auf die Treppe zur Kryptoportikus. Einer von ihnen blieb stehen, als die Männer vorbeigingen. Sein Blick ruhte auf ihnen, nicht suchend, sondern prüfend.
Vadomar senkte den Kopf.
In der Nacht lag er wach.
Die Kammern waren still wie immer. Keine Schritte. Keine Stimmen. Aber die Stille war dichter geworden, als hätte man sie zusammengepresst. Vadomar hörte den eigenen Atem zu laut. Er zwang sich, langsamer zu atmen.
Er dachte an den Mann, der verschwunden war. Nicht an sein Gesicht, sondern an seine Gewohnheiten. Der Mann hatte gezählt. Immer. Bündel, Stämme, Wege. So wie er selbst.
Sie haben etwas bemerkt, dachte Vadomar.
Nicht ihn.
Etwas.
Am folgenden Morgen fehlte ein Werkzeug.
Es war nicht wichtig. Kein Messer, kein Beil. Nur ein Keil aus Holz, den man nutzte, um Stämme beim Spalten zu führen. Aber Vadomar wusste, wo er gelegen hatte. Er wusste, dass er am Abend dort gewesen war.
Der Aufseher ließ suchen.
Nicht lange. Nur so, dass jeder es sah.
Der Keil wurde nicht gefunden.
Am Nachmittag wurde die Arbeit früher beendet. Die Männer wurden schneller hinuntergeschickt. Als Vadomar die Treppe unter die Seeterrasse hinabstieg, sah er, dass eine zusätzliche Fackel angebracht worden war. Frisch. Das Holz noch hell.
Er blieb nicht stehen. Aber er sah es.
In der Kammer lag der neue Mann auf dem Platz des Alten. Er schlief nicht. Seine Augen waren offen, der Blick an die Decke gerichtet.
„Sie zählen jetzt anders“, sagte er leise.
Vadomar antwortete nicht.
„Sie zählen nicht mehr das Holz“, fuhr der Mann fort. „Sie zählen uns.“
Vadomar drehte sich zur Wand.
In dieser Nacht traf er eine Entscheidung, die er nicht hatte treffen wollen.
Er hatte geplant, zu warten. Auf den richtigen Mond. Auf die ruhigen Nächte. Auf den Moment, an dem alles passte.
Jetzt wusste er: Alles würde nicht mehr passen.
Am Morgen war die zusätzliche Fackel wieder da. Am Abend auch. Die Wege blieben dieselben, aber die Zeit zwischen den Gängen hatte sich verkürzt.
Vadomar ging seine Strecke im Kopf durch. Wieder und wieder. Er strich Möglichkeiten, fügte neue hinzu. Der Abgang im Nordgewölbe war jetzt riskanter. Der Mittelgang war zu offen.
Blieb der Garten.
In der folgenden Nacht, als die Fackeln unter der Terrasse niedriger brannten als sonst, setzte er sich auf.
Nicht hastig. Nicht auffällig.
Er zog die Decke enger um sich, stand auf, als hätte er sich nur strecken wollen. Niemand rührte sich. Die Männer schliefen, erschöpft, eingelullt von der immergleichen Dunkelheit.
Vadomar trat an die Wand und legte die Hand auf den Stein.
Kalt. Unnachgiebig. Dick.
Er wusste, dass diese Wände ihn nicht hören ließen.
Und dass sie ihn nicht schützen würden, wenn man ihn suchte.
Als er sich wieder hinlegte, war ihm klar:
Die Villa hatte begonnen, zurückzusehen.
Und wenn er noch warten würde,
würde sie ihn finden.
Die Nacht
Die Nacht kam ohne Zeichen.
Kein Wind. Kein Ruf. Kein Geräusch, das anders gewesen wäre als sonst. Der See lag unter der Terrasse, unsichtbar, aber präsent, wie etwas, das wartete, ohne zu drängen.
Vadomar war wach, lange bevor er sich bewegte.
Er hatte gelernt, den Moment zu erkennen, in dem der Körper bereit war. Nicht aus Mut, sondern aus Notwendigkeit. Er lag still, die Hände auf der Decke, und zählte die Atemzüge, bis sie ruhig wurden. Dann zählte er die Zeit zwischen den Fackelgeräuschen draußen im Gang. Das leise Knacken des Holzes. Das kurze Aufflackern, wenn eine Flamme sich neu fraß.
Als es länger dauerte als sonst, setzte er sich auf.
Niemand rührte sich.
Die Kammer war hoch und dunkel. Das Gewölbe verschwand im Schatten, als gäbe es dort oben nichts als Stein. Vadomar stand auf, langsam, die Füße suchten den Boden, fanden ihn. Er schob sich zwischen den Lagern hindurch, berührte keinen der Männer. Ihre Körper lagen schwer, ausgelaugt, als hätten sie ihr Gewicht für ihn zurückgelassen.
Am Ausgang blieb er einen Moment stehen.
Nicht aus Zweifel.
Aus Aufmerksamkeit.
Der Gang war leer. Die Fackeln brannten niedrig. Ihr Licht reichte nicht bis zu den Wänden. Vadomar trat hinaus und ließ die Dunkelheit ihn aufnehmen. Seine Schritte waren leise, aber nicht hastig. Hast war laut.
Der Abgang nach oben führte ihn zurück in den Mittelgang. Hier war die Luft bewegter, wärmer. Holzgeruch lag schwer zwischen den Stapeln. Er blieb im Schatten, dort, wo das Licht der Fackeln den Boden nicht ganz erreichte.
Er hörte Stimmen.
Nicht nah. Aber vorhanden.
Vadomar wartete, bis sie sich entfernten. Dann ging er weiter, den Weg entlang, den er tausendmal gegangen war. Jeder Schritt saß. Jede Wendung war vertraut. Er erreichte die Treppe im Nordgewölbe und stieg hinauf.
Mit jeder Stufe wurde es heller.
Nicht hell – nur weniger dunkel.
Oben öffnete sich der Raum. Die Gärten lagen still, ihre Ebenen klar gegliedert. Die Mauern zeichneten sich im Mondlicht ab, scharf, als wären sie neu gesetzt. Zwischen den Beeten standen die Pinien, ihre Kronen bewegungslos. Kein Wind.
Vadomar blieb stehen und atmete.
Zum ersten Mal seit langer Zeit roch die Luft nicht nach Stein.
Er ging nicht geradeaus. Er folgte dem Rand, dort, wo die Mauer Schatten warf. Einmal hörte er Schritte auf der Terrasse über sich, fern, gedämpft. Er blieb stehen, presste sich an den Stein, wurde Teil davon.
Die Schritte gingen vorbei.
Der Weg zum Wald war offen.
Vadomar betrat ihn nicht sofort. Er blieb stehen, lauschte, sah. Dann erst ging er weiter, zwischen die Stämme, hinein in die Dunkelheit, die weicher war als die unter der Terrasse.
Der Wald nahm ihn auf.
Er ging nicht schnell. Er ging sicher. Er kannte den Boden, die Wurzeln, die Stellen, an denen Nadeln lagen und keine Geräusche machten. Als er den Rand erreichte, wo der Wald zum Hang wurde, blieb er stehen.
Der See lag unter ihm.
Schwarz. Weit. Schwer.
Vadomar legte die Tunika ab, band sie zusammen mit dem Gürtel, legte das Bündel beiseite. Seine Haut zog sich zusammen, als er näher an das Wasser trat. Der Stein war kalt unter seinen Füßen.
Er ging ins Wasser, ohne zu zögern.
Die Kälte nahm ihm den Atem. Er blieb stehen, bis sie nachließ. Dann ging er weiter, Schritt für Schritt, bis der Boden unter ihm verschwand.
Er schwamm.
Nicht hastig. Nicht gegen das Wasser. Er ließ sich tragen, fand den Rhythmus, den er kannte. Atem, Zug, Gleitphase. Er hielt den Blick nicht auf das Ziel gerichtet, sondern leicht seitlich, dort, wo das Land dunkler war als der Himmel.
Der See bewegte sich.
Strömungen griffen nach ihm, zogen, ließen los. Einmal verlor er den Rhythmus, trank Wasser, hustete, kämpfte, bis er ihn wiederfand. Seine Arme wurden schwer. Die Kälte kroch in ihn hinein, tiefer, als er erwartet hatte.
Er dachte nicht an die Villa.
Er dachte nicht an die Männer unter der Terrasse.
Er dachte an nichts, was hinter ihm lag.
Als seine Hände schließlich auf Grund trafen, glaubte er zuerst, sich zu täuschen. Er tastete, fand Steine, Erde. Er zog sich weiter, stolperte, fiel, stand wieder auf. Das Wasser ließ ihn los.
Vadomar kroch ein Stück, dann blieb er liegen.
Der Himmel im Osten war heller geworden.
Er richtete sich auf, taumelte den Hang hinauf, fort vom Ufer, hinein in die Büsche. Seine Beine trugen ihn noch, aber sie gehörten ihm nicht mehr. Er fand die Öffnung zwischen Felsen, die kleine Höhle, die er vom Wasser aus gesehen hatte.
Er kroch hinein.
Drinnen war es trocken. Still.
Vadomar lehnte sich an die Wand und atmete. Jeder Atemzug tat weh. Aber er kam.
Draußen wurde es langsam hell.
Er blieb sitzen, die Knie angezogen, den Blick ins Nichts gerichtet.
Zum ersten Mal seit langer Zeit war über ihm kein Stein mehr, der jemandem gehörte.
Der Morgen
Das Licht kam langsam.
Nicht als Aufgang, sondern als Veränderung. Der Stein vor dem Höhleneingang verlor seine Kälte, wurde grau, dann heller. Vadomar saß noch immer an der Wand, die Knie angezogen, den Rücken gekrümmt. Sein Körper zitterte nicht mehr. Die Kälte war geblieben, aber sie hatte ihre Schärfe verloren.
Er atmete.
Jeder Atemzug ging tiefer als der vorige.
Er legte die Hand auf den Boden. Erde. Trocken. Kein Stein aus fremder Hand. Keine Mauer. Kein Gewölbe.
Er schloss die Augen.
Und zum ersten Mal, seit er den Wald verlassen hatte, kam das Bild.
Nicht die Villa.
Nicht der See.
Ein Hang, sanfter als dieser hier. Gras, das im Sommer hoch stand. Der Geruch von Rauch, der nicht brannte, sondern wärmte. Stimmen, die nicht riefen, sondern warteten.
Er sah das Dorf nicht als Ganzes. Er sah es in Teilen, so wie man Dinge sieht, die wirklich waren: den Pfad zwischen den Häusern, die Stelle am Bach, an der das Wasser flacher wurde. Den Baum am Rand, unter dem man sich traf, wenn man nicht gesehen werden wollte.
Alrun.
Ihr Name war kein Laut. Er war eine Bewegung. Die Art, wie sie den Kopf neigte, wenn sie lachte. Wie sie stehen blieb, um etwas zu betrachten, das andere übersahen. Wie sie seine Hand genommen hatte, nicht fest, sondern sicher.
Er erinnerte sich an den Abend, an dem sie von der Hochzeit gesprochen hatten. Nicht von einem Fest, sondern von einem Winter. Davon, wo man Holz lagern würde. Wie man das Dach besser abdichtete. Es war kein Versprechen gewesen, sondern ein Plan.
Vadomar öffnete die Augen.
Das Licht hatte den Eingang der Höhle erreicht. Draußen bewegten sich Blätter. Der See war von hier aus nicht zu sehen, aber er war da, hinter dem Hang, hinter dem Morgen.
Er wusste nicht, wie viele Tage er brauchen würde.
Er wusste nicht, ob jemand ihm folgen würde.
Er wusste nicht, wie viel Kraft noch in ihm war.
Aber er wusste, wie man sich in Bergen bewegte.
Er wusste, wie man Spuren las – und wie man keine hinterließ.
Er wusste, dass ein Körper, der einmal frei gewesen war, sich daran erinnerte.
Vadomar stand auf.
Langsam. Bedacht.
Er trat aus der Höhle und blieb einen Moment stehen. Der Morgen war kühl, klar. Die Welt roch nach Wasser und Erde. Kein Rauch. Kein Stein.
Er ging nicht zurück zum See.
Er ging nach oben.