Wenn der Postmann zweimal klingelt

Ihr kennt das: Man hat etwas auf dem Herd, die Nachbarin klingelt, man verplaudert sich – und plötzlich meldet sich der Rauchmelder mit der akustischen Version eines Herzinfarkts. Ein Klassiker. Alltag. Beherrschbar.

Heute allerdings spielte sich die Katastrophe in einer leiseren, hinterhältigeren Variante ab. Und diesmal war es der Postmann. Er klingelte nicht nur einmal. Er klingelte zweimal. Und wer zweimal klingelt, meint es ernst.

Ich stand zu diesem Zeitpunkt seit geschlagenen fünf Minuten neben der Spüle und kämpfte gegen eine Tischplatte, die sich hartnäckig weigerte, weniger seifig zu werden. Ich wischte. Ich wrang den Lappen aus. Ich wischte erneut. Die Schaummenge blieb stabil. Physikalisch unmöglich – dachte ich.

Erst nach besagten fünf Minuten entdeckte ich unter dem Fenster einen getrockneten Spülmittelbollen von der Konsistenz eines gut gereiften Camemberts. Offenbar hatte eines meiner Kinder die Spüliflasche nach Gebrauch mit der Zielgenauigkeit eines olympischen Hammerwerfers zurück an ihren „Platz“ befördert – ungeachtet der Frage, ob sie verschlossen war oder nicht. Anders ist dieses schaumgewordene Mahnmal elterlicher Naivität nicht zu erklären.

Gut, dachte ich. Ursache gefunden. Problem gelöst.

Da klingelte es.

Einmal höflich.
Zwei Sekunden später energisch.
Mit Unterton.

Ich stürzte zur Gegensprechanlage. Ein Einschreiben! Auf das ich schon länger wartete! Mein Puls stieg. Ich sagte, ich käme sofort runter, schnappte mir den Schlüssel und sprintete los.

Währenddessen:
– lief der Wasserhahn munter weiter.
– lag der soeben identifizierte Seifenbollen sicher im Lappen.
– befand sich der Lappen in der Spüle.

Drei Stockwerke tiefer angekommen sollte ich unterschreiben. In diesem Moment glitt dem Postboten der Kugelschreiber aus der Hand und verschwand zielsicher im Lattenrost unter der Fußmatte – ein Ort, der offenbar seit 1983 nicht mehr bewegt wurde.

Wir knieten beide auf dem Hausflur und versuchten, mit den Fingerspitzen der Zivilisation dieses Schreibgerät zu bergen. Zwecklos. Rost hatte längst übernommen.

„Kein Stress“, sagte der Postbote mit stoischer Ruhe und trottete zu seinem Auto, um Ersatz zu holen. Ich unterschrieb. Bedankte mich. Schloss ab. Sprintete wieder nach oben.

Und da sah ich es.

Aus meiner Küche quoll eine weiße, majestätische Schaumwolke. Sie bewegte sich langsam, würdevoll, beinahe feierlich – direkt in Richtung Wohnzimmerteppich.

Ich warf das Einschreiben im Vorbeigehen mit sportlicher Eleganz auf den Schreibtisch und stürzte in die Küche. Die Seifenoper brodelte aus dem Siebkorb des kleinen länglichen Abtropfbeckens wie aus einem Hexenkessel der Haushaltsdämonen.

Blöder. Mist.

Und weil mir heiß war – und man in Paniksituationen bekanntlich ausschließlich brillante Entscheidungen trifft – öffnete ich das Küchenfenster.

Der Wind tat, was Wind in solchen Momenten immer tut: Er verwandelte die kompakte Schaumwolke in Abertausende kleine, frei flottierende Einzelwölkchen. Sie segelten durch meine Wohnung wie ein experimentelles Kunstprojekt zum Thema „Reinheit und Kontrollverlust“.

Jetzt hängen sie überall.
Im Wohnzimmer.
Über dem Teppich.
An der Bücherwand.

Sie platzen leise.
Seifenblase für Seifenblase.
Ein sanftes, höhnisches „Plopp“.

Das Chaos ist inzwischen beseitigt. Der Boden ist trocken. Das Einschreiben ungeöffnet. Der Siebkorb rehabilitiert.

Aber irgendwo in mir klingelt es noch immer zweimal.