Heit is so a schener Tog, lalalala-la

Und mit diesem Zillertaler Ohrwurm begann er. Einer jener Tage, die schon beim Aufstehen nach Weite riechen.

Der Rucksack war gepackt, die Route auserkoren, Proviant verstaut – die Berge riefen, und ich war bereit zu antworten.

Vergnügt trat ich vor die Haustür.

Am Bürgersteig neben meinem Parkplatz stand meine alte Nachbarin. Weinend. Mit einer dicken Augenbinde. Die Sonne fiel grell auf ihr Gesicht, sie blinzelte ins Nichts.

Ich fragte, ob ich helfen könne. Sie müsse zum Augenarzt nach Freiburg, sagte sie, aber mit der Augenbinde sehe sie nichts – und die Sonne blende unerträglich.

Ich kenne sie vom Einkaufen. Sie nimmt gern Dinge aus dem Regal, betrachtet sie lange und legt sie dann behutsam zurück. Einmal fragte ich sie, warum sie das tue.

„Es gibt mir für einen Moment das Gefühl, ich könnte es mir leisten“, sagte sie.

Damit erübrigte sich der Gedanke an ein Taxi.

„Ich fahre Sie“, sagte ich.

Sie winkte ab. Ich hätte doch sicher Besseres vor. Sie wolle mir nicht zur Last fallen.

Und ich wusste: Sie meinte das ernst. Genau deshalb kochte etwas in mir hoch.

Wenn das Schicksal beschlossen hatte, diese Frau heute stranden zu lassen, wollte ich nicht Teil dieser Entscheidung sein.

„Keine Widerrede“, sagte ich schließlich. „Kommen Sie.“

Augenarzttermine sind kostbar. Wer einen versäumt, wartet Monate. Also nahmen wir die Autobahn – und kamen zehn Minuten vor der Zeit im Parkhaus an.

Ich bot ihr meinen Arm an. „Keine Widerrede“, wiederholte ich lachend.

Da musste auch sie lachen.

Nach der Untersuchung gingen wir noch in die Apotheke. Augentropfen. Ein paar Schritte mehr, ein paar Minuten länger. Dann brachte ich sie nach Hause.

Vor ihrer Haustür zog sie plötzlich einen Fünfzig-Euro-Schein hervor und wollte ihn mir in die Hand drücken.

Mir schossen die Tränen in die Augen.

Ein Geschenk abzulehnen ist unhöflich.

Ein solches Geschenk von jemandem anzunehmen, dessen Rente kaum reicht, um würdevoll zu leben, ist unanständig.

Also nahm ich das Geld. Verbeugte mich.

Und fragte, ob ich ihr ebenfalls ein kleines Geschenk machen dürfe.

Sie schaute mich hinter ihrer dunklen Brille fragend an.

„Sie sind eine meiner liebsten Nachbarinnen“, sagte ich. „Für so eine Nachbarschaft bin ich dankbar. Und deshalb möchte ich auch Ihnen heute fünfzig Euro schenken. Sie wissen ja – ein Geschenk abzulehnen ist unhöflich.“

Wir mussten beide lachen.

Sie steckte den Schein beschämt ins Portemonnaie und nahm mich spontan in die Arme.

„Es ist schön, Sie als Nachbarn zu haben“, sagte sie.

Jetzt sitze ich bei meinem zweiten Kaffee. Die Berge stehen noch immer da. Aber ich frage mich, ob ich nicht stattdessen eine kleinere Runde drehen sollte.

Vielleicht durch die Weinreben am Kaiserstuhl.

Oder über die Passwege des Kandel.

Heit is so a schener Tog.

Manchmal liegt der höchste Gipfel eben direkt vor der Haustür.

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