Der gestrige Tag mit meinem Lennart war ein Geschenk der besonderen Art. Es gab nämlich etwas zu feiern: Er hat das beste Halbjahreszeugnis seines Lebens bekommen – und damit mehr Lernerfolg vorzuweisen als ich in all meinen Schuljahren zusammen. Das allein wäre schon Anlass für standing ovations.
Aber wenn man weiß, wie verdammt hart er selbst – und wir alle, die ihn dabei unterstützt haben – für dieses Ziel gekämpft haben, dann fühlt sich dieses Ergebnis gleich doppelt gut an. Mindestens.
Vor einem Jahr noch war mein Kleiner schulisch komplett abgeschmiert. Die Versetzung gerade noch so möglich, aber eigentlich schon jenseits von sinnvoll. Ein klassischer Teufelskreis: In vielen Fächern den Anschluss verloren, Motivation im Keller, Selbstvertrauen praktisch nicht mehr auffindbar und null Mut, die eigenen Schwächen einzugestehen.
Immerhin war unser Verhältnis immer so gut, dass er mir gegenüber keine Märchen erzählte, sondern ehrlich sagte, wie schlecht es ihm ging. Das allein ist schon Gold wert.
Ich habe damals versucht, ihn so gut es ging aufzufangen und ihm klarzumachen, dass man auch ohne Abitur ein glücklicher Mensch werden kann. Als ich ihm die Optionen aufzählte, wurde ihm allerdings ziemlich schnell klar, dass er doch lieber direkt nach der Schule studieren möchte – und dass der Weg mit fremder Hilfe vermutlich weniger steinig wäre als der Alleingang mit verbundenen Augen.
Das war der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit zwischen ihm, seiner Mutter, ihrem Freund und mir. Und gemeinsam haben wir es geschafft, dass er heute wieder lernbegierig ist, in der Schule mit Spaß erfolgreich – und, am allerwichtigsten: wieder glücklich.
Unsere kleine Vater-&-Sohn-Wanderung führte uns in die Höhen des südlichen Schwarzwalds. Der verschneite Feldweg am Pass des Hochblauen bot wunderschöne Ausblicke über Wolken und weiße Täler – Postkartenmaterial deluxe.
Die guten Gespräche ließen nicht lange auf sich warten. Und wieder überkam mich dieses unbeschreibliche Glücksgefühl: In meiner Erinnerung sehe ich oft noch den findigen kleinen Lausbub, keine zwei Jahre alt, am Esstisch sitzend, wie er eine hochkomplexe Strategie entwickelt, um meine Butterbrotstückchen in den Mund zu bekommen, ohne sich allzu sehr die Finger schmutzig zu machen.
Und jetzt läuft er neben mir her und diskutiert mit mir intelligent über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Man fragt sich ja manchmal, wann das eigentlich passiert ist.
Anschließend fuhren wir hinunter nach Badenweiler, das selbst noch hoch über dem Rheintal liegt. Eigentlich wollte ich direkt mit Lennart in die Therme, doch er fragte, ob ich ihm vorher noch eine archäologische Führung durch die römische Badeanlage geben könne, die wenige Meter unter der modernen Therme unter einem großen Glasdach liegt.
Begründung: Informationen aus erster Hand seien schließlich unbezahlbar. Kann man gelten lassen.
Badenweiler lag gestern schön verschneit da, und ich hatte fest damit gerechnet, dass die Therme brechend voll sein würde. War sie aber nicht. Ganz im Gegenteil: Wir hatten das Bad fast für uns allein – Luxus pur.
Die Cassiopeia-Therme ist zwar bei weitem nicht so groß wie manche andere berühmte Bäder, dafür liegt sie landschaftlich viel schöner und ist architektonisch deutlich spannender. Mein persönliches Highlight bleibt allerdings unschlagbar: Im 34 Grad warmen Außenbecken auf dem Rücken treiben, in den Himmel schauen und den Krähen zusehen, wie sie über der Burg ihre Kreise ziehen – oder später einfach in den klaren Sternenhimmel blicken. Meditation auf Badisch.
Wir haben es uns gestern richtig gut gehen lassen. Erschöpft, aber glücklich habe ich meinen Sohn anschließend noch zum Essen eingeladen, und so sind wir schließlich sehr spät heimgekehrt.
Heute lasse ich ihn ausschlafen.
Er hat sich seinen Schlaf redlich verdient.