
Es gibt Dinge, die sind einfach doof. Und die bleiben übrigens auch doof, egal, mit wie viel Toleranz man ihnen begegnet. Keine Frage, ich genieße jeden Moment, wenn meine Söhne bei mir sind – sogar jene Momente, in denen sie friedlich schlafen und ich neben ihren Betten meinen halben Geschirrschrank versammelt sehe.
Ihr kennt sicherlich diese offensichtlich überzogenen Videoclips, in denen Eltern demonstrieren, was sie auf jeden Fall machen wollen, wenn sie später einmal bei ihren Kindern zu Besuch sind … Da segelt die Jacke in den Flur, die Schuhe werden nicht abgestreift, sondern in die Ecke geschleudert. In der Küche wird die Milch aus dem Kühlschrank genommen, direkt aus der Flasche getrunken – und anschließend neben dem Kühlschrank abgestellt. Auf der Suche nach einem Glas, obwohl die immer an derselben Stelle stehen, öffnet man sämtliche Küchenschränke, ohne sie wieder zu schließen. Schließlich findet sich eines, man füllt es mit Wasser – und lässt es stehen. Dann wird Müsli gemacht, so großzügig verstreut, dass ein Alkoholtest naheliegend wäre. Gegessen werden davon höchstens drei Löffel; die dreiviertel volle Schüssel bleibt zurück, bis sie olfaktorisch anklopft.
Man kann diese Videos bissig und gemein finden. Aber sie zeigen gnadenlos, wie es ist, seine lieben Kinder zu beherbergen. Und die sind ja durchaus gut erzogen. Sie benehmen sich respektvoll, wissen, wie man sich bei Tisch verhält, sind in der Lage, interessiert, eloquent und belesen zu parlieren. Sie machen morgens ihr Bett, sind sauber und ordentlich gekleidet. Nur wenn es um Ordnung und Mitdenken im Haushalt geht, fehlt da mitunter eine Platine.
Und dann tut es gut, kurz innezuhalten und sich zu erinnern, wie der eigene Vater einst reagierte. Es gibt sie ja, diese liebevoll-bissigen Familienvokabeln, deren Herkunft man erst Jahrzehnte später hinterfragt. Bei uns war es das Wort „Malachias“.
Kein theologisches Fachurteil, kein alttestamentarischer Tadel – sondern eine jener altertümlich-pathetischen Anrufungen, die mehr Theaterdonner als Zorn enthalten. „Du großer Prophet, der alles weiß, aber nichts tut“ – so schwang es unausgesprochen mit. So, wie andere Eltern „Philosoph“, „Professor“ oder „Napoleon“ sagen, wenn ihre Kinder klug daherreden oder sich aus der Affäre zu ziehen versuchen.
Ich war früher vermutlich genauso wie meine Jungs heute: Der eloquente Sohn, der mit geschliffenem Satzbau erklärt, warum das Staubsaugen generell überschätzt wird. Ein Argumentationsseminar in Hausschuhen. Oder wie mein Vater immer zu sagen pflegte: „Du wandelndes Feuilleton mit eingebauter Arbeitsvermeidung“.
„Du Malachias!“ – das war keine plumpe Beschimpfung, sondern eine kleine rhetorische Ohrfeige mit Weihrauchschwaden. Ein Wort, das gleichzeitig rügte und lächelte. Und natürlich traf es immer ins Schwarze.
Heute beherberge ich am Wochenende oft meinen eigenen kleinen Malachias. Früher habe ich dann immer sofort Klarschiff gemacht. Aber den Stress tue ich mir nicht mehr an. Das bleibt alles liegen, bis er wieder aus der Haustür ist und kein neues Chaos anrichten kann. Und dann mache ich Großputz.
Es hat eine Weile gedauert. Aber jetzt ist die Wohnung wieder ordentlich, alles Geschirr dort, wo es hingehört – und in meinem Gesicht ein väterlich liebevolles Lächeln, das alles vergessen macht. Wohlwissend, dass sich das Spektakel am nächsten Wochenende wiederholen wird.
Und wenn ich dann zwischen Müslikrümeln und offenen Schranktüren stehe, höre ich ihn wieder, diesen Tonfall von damals.
„Du Malachias.“