The Green Flash

Es war einer dieser Sommertage an der Ostküste Sardiniens, an denen die Hitze flimmert und die Zeit langsamer geht. Zwischen Pinien, Staub und dem Geruch von Salz entstand 2012 ein Schiff.

Kein gekauftes.
Kein Bausatz.
Ein echtes.

Zwei grüne Wasserflaschen, sorgfältig mit Draht verbunden. Eine Plattform darauf, verschraubt und verspannt. Ein Ruder, so fest montiert, dass es nicht kapriziös im Kreis drehte, sondern entschlossen Kurs hielt. Zwei Masten, seitlich abgespannt wie bei einem großen Segler. Und als Kiel: Gips, in den liegenden Flaschenboden gegossen, schwer genug, um auch bei Welle Haltung zu bewahren.

Und dann kam der Name.
Nicht von mir.
Die Kinder tauften das Schiff „The Green Flash“.

Ich musste lachen – und war im selben Moment gerührt. Sie kannten das Wort „Flash“ aus irgendeinem Lied. Sie wussten um die Bedeutung. Und sie spürten zugleich diese phonetische Nähe zur „Flasche“. Wortwitz, leichtfüßig, selbstverständlich. Nicht erklärt, nicht konstruiert.

Ein grüner Blitz.
Ein grünes Flaschenboot.

Ich war stolz. Nicht wegen des Bastelprojekts. Sondern wegen dieses kleinen, feinen Sprachspiels, das zeigte, dass Humor und Klang längst Wurzeln geschlagen hatten.

Am Strand von Cala Ginepro trugen wir das Schiff ins Wasser. In einer der mit Feuerzeug wasserdicht verschlossenen Flaschen lag eine Bo(o)tschaft mit unserer Adresse – nur für den Fall, dass irgendjemand irgendwann einmal antworten wollte.

Mein großer Sohn schob es hinaus.
Es wurde kleiner.
Und kleiner.
Und war schließlich nur noch ein kleiner grüner Punkt im Blau.
Der Green Flash verschwand am Horizont.

Viereinhalb Jahre später, mein großer Sohn ging schon aufs Gymnasium, mein kleiner Sohn Lennart war gerade in die zweite Klasse gekommen, kam ein Brief.

Fischer aus Kroatien hätten unser Boot zwischen den Inseln Korčula und Mljet aus dem Wasser gezogen. Ob wir sie in ihrem Heimathafen Dubrovnik besuchen wollten?

Man liest so etwas zweimal. Dann ein drittes und viertes Mal.
Im nächsten Sommer fuhren wir hin.

Und da lag es.

Segel und Plattform waren verschwunden. Das Ruder fort. Die Drahtverspannungen vom Salz zerfressen. Aber die beiden Flaschen – unverwüstlich. Und im Boden noch immer der graue Gipskiel. Der Beweis.

The Green Flash hatte überlebt.

Wie es dorthin gelangte, lässt sich ozeanografisch erklären: Strömungen entlang Italiens, vielleicht durch die Straße von Messina, hinaus ins Ionische Meer, hinauf in die Adria. Getrieben von Wind, getragen von Zeit. Vielleicht gestrandet, wieder freigespült, weitergereicht.

Das Meer denkt nicht in Tagen.
Es denkt in Jahren.

Was mich bis heute mehr beeindruckt als jede mögliche Route, ist etwas anderes:

Irgendwo zwischen Netzen und Fischkisten ziehen Menschen ein halb zerfallenes Flaschenboot aus dem Wasser. Sie lesen eine Adresse. Sie schreiben einen Brief. Sie laden Fremde ein.

Und aus einem Kinderprojekt wird eine Reise nach Dubrovnik.

Der Green Flash ist eigentlich ein seltenes Lichtphänomen am Horizont – ein grüner Blitz beim Untergang der Sonne. Man sieht ihn nur, wenn man Geduld hat. Und eine gehörige Portion Glück noch dazu.

Wir hatten beides.

Wir schickten ein Boot hinaus.
Und Jahre später schickte uns das Meer diese tolle Geschichte zurück.