
Der Burgberg von Pergamon ist kein zahmes Gelände. Die hellenistische Wohnstadtgrabung lag nicht oben auf der Akropolis, sondern gut fünfzig Höhenmeter darunter, an der Westflanke – dort, wo der Fels beginnt, seine eigenen Entscheidungen zu treffen.
Manchmal lösten sich große Basaltbrocken aus dem Akropolisfelsen und rollten talwärts. Für die Stadt Bergama war das selten ein Problem. Bäume, Mauern, Gestrüpp – irgendetwas hielt sie auf.
Für unsere Grabung galt das leider nicht.
Eines Morgens stand ich vor einem Felskoloss, der über Nacht in meinen Schnitt gekullert sein musste.
2,5 × 3 × 2 Meter.
Rund siebzehn Tonnen.
Die Furche seines Weges zeichnete sich noch deutlich im Erdreich ab.
Wir waren erleichtert, dass das nicht tagsüber geschehen war.
Ein paar antike Mauern hatte es erwischt – Menschen zum Glück nicht.
Aber wie bekommt man so einen Steinklotz wieder weg?
Unser Unimog war geländegängig, kräftig, zuverlässig. Doch selbst er hätte diesen Brocken nicht bewegt. Ratlosigkeit machte sich breit. Und Ratlosigkeit ist auf einer Grabung kein angenehmer Zustand.
Da kam Aydın Çavuş vorbei.
Über neunzig Jahre alt, drahtig, wach, mit diesem Blick, der schon alles gesehen hat. Er musterte den Basalt und nickte anerkennend.
„Ganz schöner Brocken.“
Ich fragte, was wir nun tun sollten.
Er winkte nur ab, pfiff auf zwei Fingern – und rief ein kleines Männlein herbei.
Ich kannte den Mann aus den Gassensondagen: kaum eineinhalb Meter groß, leicht untersetzt, Schiebermütze, gewaltige Brillengläser, Schnurrbart und immer einen Cigarillo im Mundwinkel.
„Der Taş Usta“, sagte Aydın. „Unterschätze ihn nicht.“
Aha, dachte ich, der Steinmeister also.
Doch ich war skeptisch.
Der kleine Mann umrundete den Basaltkoloss, betrachtete ihn lange, fast liebevoll. Dann zog er ein Stück Kreide hervor und setzte etwa zwanzig Kreuze auf die Oberfläche.
„Was soll das?“ fragte ich.
Aydın lächelte nur. „Wart’s ab.“
Er rief Muhamer herbei – meinen Herkules. Ein Hüne von einem Mann, mit Schultern wie ein Torbogen. Muhamer wusste sofort, was zu tun war, und kam mit einem schweren Vorschlaghammer.
Der Steinmeister zeigte auf das erste Kreidekreuz.
Muhamer holte aus.
Zwei, drei Schläge.
Dann ein lauter, trockener Knall und der Fels zerbrach in zwei Teile.
Noch einmal.
Und noch einmal.
Nach dreißig Schlägen waren es dreizehn Stücke. Immer noch groß, aber gebändigt. Muhamer schwitzte, pausierte, holte Luft. Der Steinmeister setzte neue Kreuze.
Weniger als eine Stunde später war aus dem siebzehn Tonnen schweren Koloss ein Haufen handlicher Brocken geworden, die wir mit Schubkarren abtransportieren konnten.
Ich stand daneben und begriff etwas:
Kraft allein reicht nicht.
Man muss wissen, wo man hinhauen muss.
Und wie stark.
Der Steinmeister wusste es.
Muhamer auch.
An diesem Tag habe ich mehr über Handwerk gelernt als in manchem Seminar.